(1896, Harzgebirge) Die Makabre Familie Krüger – Verehrer Ihrer Töchter Verschwanden Spurlos.H

Im Jahr 1896 lebte in den tiefen Wäldern des Harzgebirges, nahe dem Dorf Sorge im preußischen Bezirk Wernigerode, die Familie Krüger in völliger Abgeschiedenheit. Das Gehöft lag drei Kilometer entfernt von der nächsten bewohnten Siedlung, eingebettet zwischen dichten Fichtenwäldern und steilen Felshängen, die im Winter monatelang unpassierbar wurden. Heinrich Krüger, 52 Jahre alt, war Holzfäller und lebte dort mit seiner Frau Margarete und ihren vier Töchtern: Anna (19), Berta (17), Klara (15) und der jüngsten, Dorothea (13). Was diese Familie von anderen unterschied, war nicht nur ihre extreme Isolation, sondern auch die beunruhigende Tatsache, dass junge Männer aus den umliegenden Dörfern regelmäßig verschwanden, nachdem sie sich auf den Weg zu den Krügertöchtern gemacht hatten.
Der erste dokumentierte Fall stammt vom Oktober 1895. Georg Müller, ein Zimmermann aus Sorge, hatte sich gegenüber seinem Bruder gerühmt, er wolle um die Hand der ältesten Krügertochter anhalten. Er wurde letztmalig gesehen, als er mit einem Korb voller Äpfel als Mitbringsel den Waldweg zum Krügerhof einschlug. Seine Leiche wurde nie gefunden. Drei Wochen später verschwand Wilhelm Bach, ein Schmiedgeselle aus dem benachbarten Hasselfelde, unter ähnlichen Umständen. Auch er hatte angekündigt, die Familie Krüger besuchen zu wollen. Seine Mutter berichtete später den örtlichen Behörden, dass ihr Sohn von der Schönheit der Krügermädchen geschwärmt hatte, die er einmal auf dem Markt in Wernigerode gesehen hatte.
Das Ungewöhnliche an diesen Fällen war nicht nur das spurlose Verschwinden der jungen Männer, sondern auch die Reaktion der Familie Krüger selbst. Als die Dorfbewohner im November 1895 zum ersten Mal offiziell nachfragten, behaupteten Heinrich und Margarete Krüger, sie hätten weder Georg Müller noch Wilhelm Bach jemals gesehen. Ihre Töchter, so sagten sie, seien zu schüchtern, um Besuch von fremden Männern zu empfangen. Pastor Johannes Rem aus Sorge notierte in seinem Gemeindebuch: „Die Familie Krüger zeigt eine merkwürdige Gleichgültigkeit gegenüber den Sorgen der Dorfbewohner. Als ich sie auf die verschwundenen jungen Männer ansprach, reagierte Herr Krüger, als würde er von völlig anderen Personen hören.“ Seine Frau nickte nur stumm.
Was die Situation besonders beunruhigend machte, war ein Detail, das erst Monate später ans Licht kam. Der Briefträger Karl Zimmermann berichtete im Frühjahr 1896 dem Amtsvorsteher von Wernigerode, dass er während seiner monatlichen Zustellung zum Krügerhof mehrfach frische Gräber in dem kleinen Waldstück hinter dem Haus bemerkt hatte. Als er Heinrich Krüger darauf ansprach, erklärte dieser nur knapp: „Wir begraben hier unsere Haustiere. Das Klima im Harz ist hart für die Tiere.“ Die Gräber waren ordentlich angelegt, mit kleinen Holzkreuzen markiert, aber ohne Namen oder Daten. Zimmermann beschrieb sie als zu groß für Hunde oder Katzen, aber zu klein für Pferde. Diese Beschreibung wurde aktenkundig, als im Mai 1896 der dritte junge Mann verschwand: Thomas Richter, ein 20-jähriger Metzgersonn aus Elend, der sich ebenfalls auf den Weg zu den Krügers gemacht hatte.
Das Leben der Familie Krüger folgte einem strengen, fast rituellen Rhythmus. Heinrich verließ jeden Morgen bei Sonnenaufgang das Haus, um in den umliegenden Wäldern Holz zu schlagen. Seine Frau Margarete kümmerte sich um den Haushalt und einen kleinen Gemüsegarten, während die vier Töchter ihre Zeit mit Handarbeiten, Hausarbeit und, wie Augenzeugen berichteten, ausgedehnten Spaziergängen in den Wäldern verbrachten. Was Besuchern als Erstes auffiel, war die ungewöhnliche Stille, die das Krügeranwesen umgab. Pastor Rem berichtete nach seinem einzigen Besuch im Herbst 1895: „Das Haus wirkt, als würde es in einer anderen Zeit existieren. Die Töchter sprachen kaum ein Wort und wenn, dann nur im Flüsterton miteinander. Sie bewegten sich synchron, als hätten sie ihre Bewegungen einstudiert.“
Die Töchter der Familie wurden als außergewöhnlich schön beschrieben. Anna, die Älteste, hatte langes rotgoldenes Haar und auffallend helle Augen. Berta war dunkelhaarig mit blasser Haut. Klara hatte blonde Locken und die jüngste, Dorothea, ähnelte ihrer ältesten Schwester. „Sie sahen aus wie Puppen“, beschrieb sie der Gemischtwarenhändler Albert Schneider aus Sorge. „Ihre Kleider waren makellos sauber, ihre Haare perfekt frisiert, aber ihre Augen wirkten leer, als würden sie durch einen hindurchblicken, nicht einen ansehen.“ Das Krüger-Anwesen selbst war ein zweistöckiges Fachwerkhaus, das makellos gepflegt war. Keine einzige Dachschindel war beschädigt, der Zaun frisch gestrichen, die Fenster blitzblank.
Heinrich Krüger wurde als wortkarg, aber nicht unfreundlich beschrieben – ein kräftiger Mann mit grauem Bart. Seine Frau Margarete war das genaue Gegenteil: klein, zierlich und mit einem Gesicht, das aussah, als hätte sie seit Jahren nicht mehr gelächelt. Die Familie versorgte sich vollkommen selbst und kaufte im Dorf nur das Nötigste wie Salz oder Petroleum. Fleisch kauften sie nie, was angesichts der vielen „Haustiere“, die sie angeblich begraben mussten, verwunderlich war. Die Mahlzeiten fanden immer zur gleichen Zeit statt. Der Postbote Zimmermann sah sie oft schweigend am Tisch sitzen: „Es war, als würden sie ein Theaterstück aufführen. Jeder wusste genau, was er zu tun hatte, aber es wirkte nicht natürlich. Es wirkte einstudiert.“ Besonders unheimlich war, dass die Töchter scheinbar nur durch Blicke und kleine Gesten kommunizierten.
Der entscheidende Wendepunkt ereignete sich am 15. Juni 1896, als Friedrich Weber, ein erfahrener Förster aus Wernigerode, einen offiziellen Besuch abstattete. In seinem Bericht beschrieb Weber die Atmosphäre als bedrückend. Er bemerkte Heinrich Krügers Nervosität, als er nach den Gräbern fragte. Krüger antwortete erneut, es seien Haustiere gewesen, die an einer Seuche starben. Am Ende des Besuchs traten alle vier Mädchen gleichzeitig aus dem Haus, stellten sich in einer perfekten Reihe auf und starrten ihn an. „Sie lächelten alle vier identisch“, erinnerte sich Weber. „Es war kein natürliches Lächeln. Es sah aus, als hätten sie es geübt. Ihre Augen lächelten nicht mit.“ Die älteste Anna sagte: „Kommen Sie bald wieder, Herr Weber. Wir freuen uns immer über Besuch.“ Ihre Stimme klang melodisch, aber hohl.
Auf dem Rückweg machte Weber eine Entdeckung: 100 Meter vom Hof entfernt fand er Überreste eines Lagerfeuers und persönliche Gegenstände – einen Ledergürtel, ein Stück Stoff und einen silbernen Hemdknopf mit den Initialen „GM“ für Georg Müller. Weber brachte die Gegenstände zur Gendarmerie. Hauptwachtmeister Karl Brunner leitete daraufhin die erste offizielle Untersuchung ein. Als Brunner am 20. Juni 1896 den Hof aufsuchte, wirkte die Familie bemerkenswert gefasst. Heinrich Krüger sagte ruhig: „Guten Tag, Herr Hauptwachtmeister. Ich nehme an, Sie kommen wegen der Gegenstände, die Herr Weber gefunden hat. Das ist ein bedauerliches Missverständnis.“
Krüger behauptete, Georg Müller sei tatsächlich kurz dort gewesen, man habe seinen Heiratsantrag für Anna jedoch abgelehnt, woraufhin er den Hof verlassen habe. Die Gegenstände müsse er wohl beim Aufbruch verloren haben. Brunner inspizierte die sechs kleinen Hügel hinter dem Haus. Krüger erklärte: „Hier liegen unsere Ziegen, zwei Hühner und ein Schwein.“ Da die Gräber tatsächlich wie Tiergräber aussahen und nicht tief genug für Menschen schienen, fand Brunner keinen Grund zur Beanstandung. Die Gemeinde reagierte erleichtert. Pastor Rem verkündete: „Wir sollten uns schämen, dass wir Verdächtigungen gegen ehrliche christliche Menschen gehegt haben.“ Man wollte lieber an Unfälle glauben als an das Unvorstellbare. Nur Förster Weber blieb skeptisch: „Ihre Erklärungen sind zu glatt, zu perfekt.“
In den folgenden Monaten kehrte eine trügerische Ruhe ein. Doch die Menschen mieden das Thema Krüger. Der Postbote Zimmermann verweilte nicht mehr für Plaudereien. Die vier Töchter wurden gar nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen. Weber bemerkte bei seinen Kontrollen, dass die Gräber hinter dem Haus nun auf zehn angewachsen waren. Krüger erklärte dies erneut mit dem harten Winter. Heinrich wirkte nun ständig angespannt, Margarete hatte stark an Gewicht verloren. Im November 1896 verschwand ein Handelsreisender namens Otto Kessler. Diesmal beschloss die Gemeinde jedoch stillschweigend, den Fall zu ignorieren. Bürgermeister Stolz sagte: „Es ist nicht unsere Aufgabe, jedem nachzuforschen, der unseren Ort verlässt.“
Im Februar 1897 besuchte Dr. Ernst Tim den Hof, da die jüngste Tochter Dorothea an einer mysteriösen Schwäche litt. In seinem Bericht, der erst 1954 entdeckt wurde, beschrieb er einen süßlichen, schweren Geruch im Haus. Dorothea wirkte unterernährt und ängstlich. Sie antwortete nur nach einem Blick zu ihrer Mutter. Tim bemerkte, dass die anderen Töchter ständig im Haus umherwanderten, als würden sie ein System der Überwachung aufrechterhalten. Beim Verlassen des Hauses hörte er ein rhythmisches Klopfen aus dem Obergeschoss, das wie ein Code klang. Frau Krüger behauptete, es seien Mäuse, doch Tim notierte: „Das Klopfen war zu regelmäßig, zu intentionell für Mäuse.“ Heinrich Krüger schien die verschwundenen Männer derweil komplett vergessen zu haben. Dr. Tim notierte: „Diese Familie scheint in einer Realität zu existieren, in der normale menschliche Erinnerungen keine Rolle spielen.“
Im Frühsommer 1897 kehrte Johann Fischer, ein ehemaliger Kollege Heinrichs, zurück. Er war entsetzt, dass Heinrich ihn nach all den Jahren nicht wiedererkannte. Margarete reagierte nervös auf Fischers Erwähnung der Vergangenheit und sagte, man solle alte Zeiten ruhen lassen. Fischer bemerkte, dass das Anwesen nun wohlhabender wirkte, mit neuen Möbeln und einer goldenen Taschenuhr für Heinrich. Am verstörendsten war der Abschied: „Sie standen in einer Reihe und winkten mir nach, aber ihr Winken war mechanisch wie bei Marionetten, und sie lächelten alle identisch.“ Fischer begann daraufhin, auf eigene Faust nachzuforschen.
Fischer fand heraus, dass Margarete Krüger eigentlich Margarete Waldmann hieß und 1876 offiziell für tot erklärt worden war. Zudem gab es keine medizinischen Belege für die Geburten der vier Töchter. Gleichzeitig erfuhr er von einem alten Jäger, dass zwischen 1877 und 1883 auffallend viele junge, hübsche Frauen in der Region verschwunden waren. In der Nacht des 23. August 1897 brach Fischer in die verschlossene Scheune ein. Dort fand er Truhen mit persönlichen Gegenständen der Verschwundenen, darunter das Silberkreuz von Georg Müller. In einer großen Truhe fand er Haarzöpfe in den Farben der vier Töchter. Er verstand nun: Die Familie sammelte nicht nur Besitztümer, sondern imitierte das Aussehen der Opfer.
Bevor er fliehen konnte, beobachtete Fischer ein nächtliches Ritual. Die Familie begab sich zu den Gräbern und die Töchter begannen einen melancholischen Klagegesang. „Es war, als würden sie mit den Toten sprechen“, schrieb Fischer. Am nächsten Tag überzeugte er Hauptwachtmeister Brunner. Am 27. August 1897 durchsuchte die Gendarmerie den Hof und fand in einer geheimen Kammer unter der Scheune die Skelette von mindestens acht Menschen. Die Gräber im Garten waren lediglich Scheingräber mit Tierknochen. In Margaretes Tagebuch fanden sich emotionslose Beschreibungen, wie sie junge Männer anlockten und „zur Ruhe betteten“.
Die schockierendste Erkenntnis war, dass keine der Töchter leiblich verwandt war. Es handelte sich um die vermissten Mädchen aus den Jahren 1877 bis 1883. Dr. Tim erklärte: „Sie haben diese jungen Frauen nicht getötet. Sie haben sie gebrochen. Durch Isolation und Manipulation haben sie ihre Identitäten gelöscht und sie zu willfährigen Werkzeugen gemacht.“ Die Verhaftung verlief ohne Widerstand. Die Krügers zeigten keine Reue. Margarete sagte lediglich: „Unsere Töchter gehören uns. Wir haben sie gerettet, aufgezogen, perfektioniert.“
Der Prozess 1897 in Gosla endete mit dem Todesurteil für Heinrich und Margarete. Über 20 Sets persönlicher Gegenstände belegten eine zwei Jahrzehnte dauernde Serie von Verbrechen. Margarete lächelte bei der Urteilsverkündung: „Sie verstehen nicht, was wir getan haben. Wir haben Leben erhalten.“ Die Hinrichtungen fanden am 15. März 1898 statt. Die vier jungen Frauen konnten nur teilweise rehabilitiert werden. Greta (ehemals Anna) erinnerte sich bruchstückhaft an ihr altes Leben, blieb aber bis zu ihrem Tod in einer Anstalt. Die anderen erholten sich nie vollständig von der jahrelangen psychischen Zerstörung.
Das Anwesen wurde abgerissen, doch die Legende blieb. 1962 fand Dr. Klaus Bergmann weitere Skelette unter dem Küchenboden, was belegte, dass das Ausmaß noch größer war als vermutet. Er fand auch heraus, dass Margarete bereits vor ihrer Flucht ihren Vater vergiftet hatte und eine Expertin für halluzinogene Kräuter und Pilze war. Heinrich war vermutlich ihr erstes Opfer der Bewusstseinskontrolle gewesen. Heute erinnert nur ein einfacher Gedenkstein an die Opfer. Die Geschichte der Familie Krüger bleibt eine düstere Mahnung an die menschliche Fähigkeit zur Unmenschlichkeit, die unentdeckt in der Isolation gedeihen kann.



