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(1899, Schwarzwald) Der Zuchtkeller der Schwestern Weber – 28 Männer verschwunden.H

Im Frühjahr 1899 zählte der Förster Heinrich Bachmann die Baumbestände im nördlichen Teil des Schwarzwaldes in der Nähe des abgelegenen Dorfes Schönmünzach. Was als routinemäßige Bestandsaufnahme begann, führte zu einer der verstörendsten Entdeckungen der deutschen Kriminalgeschichte.

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„Ich bemerkte zunächst den Geruch“, schrieb Bachmann in seinem Amtsbericht vom April 1899. „Ein ungewöhnlicher, beißender Geruch, der nicht zum Wald gehörte. Ich dachte an ein verendetes Tier, vielleicht ein Reh oder Wildschwein.“ Doch was der Förster fand, als er dem Geruch folgte, war kein totes Tier. In einer Senke, versteckt hinter dichtem Unterholz und überwuchert von Farnen, entdeckte er einen halbverfallenen Holzschuppen. Die Tür war mit einem rostigen, aber neuen Vorhängeschloss gesichert – ein seltsamer Anblick in diesem verlassenen Teil des Waldes. Er rief mehrmals, erhielt jedoch keine Antwort.

Das Schloss schien nicht zum Alter des Schuppens zu passen, notierte Bachmann weiter. Der Förster informierte die örtliche Gendarmerie. Zwei Tage später kehrten sie zurück, brachen das Schloss auf und fanden nichts. Der Schuppen war leer, aber der Boden wies Spuren auf: dunkle Flecken, die in das Holz eingezogen waren. In einer Ecke, halb vergraben unter Erde und Laub, lag ein abgenutztes Ledernotizbuch. Im Kreisarchiv von Freudenstadt liegen heute noch die Aufzeichnungen des damaligen Untersuchungsbeamten Gerhard Weber (nicht verwandt mit den später identifizierten Schwestern). Er schrieb: „Das Notizbuch enthielt eine Liste, Namen, alle männlich, mit Daten versehen.“

Der letzte Eintrag datierte vom 17. März 1899. Neben jedem Namen standen Notizen: „Kräftig, gesund, gute Zähne, starke Hände.“ Bei einigen Namen fanden sich rote Kreuze, bei anderen Kreise. Die Bedeutung dieser Zeichen blieb zunächst unklar. Was die Ermittler besonders beunruhigte: Alle Namen auf der Liste gehörten zu Männern, die in den vergangenen drei Jahren als vermisst gemeldet worden waren. Männer aus verschiedenen Dörfern und Städten im Schwarzwald, zwischen 18 und 40 Jahren alt, alle unverheiratet, die meisten Wanderarbeiter oder Handwerker auf der Durchreise.

Die Gendarmerie nahm die Untersuchung auf, aber der Fall schien zunächst aussichtslos. Der Schuppen selbst gab kaum Hinweise preis: keine weiteren persönlichen Gegenstände, keine Werkzeuge, nichts, was auf die Identität des Notizbuchbesitzers hindeutete. Doch was die Beamten übersahen, war die Tatsache, dass der Boden des Schuppens ungewöhnlich hoch über dem Waldboden lag, fast einen halben Meter, als wäre er auf etwas gebaut worden. Die wahre Entdeckung sollte erst sechs Wochen später erfolgen, als heftige Regenfälle den Boden um den Schuppen aufweichten und ein Teil des Erdreichs nachgab.

Was darunter zum Vorschein kam, veränderte die Untersuchung grundlegend. Unter dem Schuppen befand sich ein Eingang, ein schmaler Schacht, der tief in die Erde führte. Und dieser Schacht war nur der Anfang einer Entdeckung, die bis heute in den Archiven der deutschen Kriminalgeschichte als einer der verstörendsten Fälle geführt wird: Der Fall der Schwestern Weber. Das Dorf Schönmünzach, eingebettet zwischen den dunklen Tannen des nördlichen Schwarzwalds, war um 1899 eine Gemeinde von kaum 300 Einwohnern. Ein Ort, wo jeder jeden kannte – oder zumindest zu kennen glaubte.

Am westlichen Rand des Dorfes stand ein zweistöckiges Steingebäude. Erbaut worden war es einst als Mühle, doch seit dem großen Hochwasser von 1876 hatte es seinen Zweck verloren. Seit 1890 bewohnten die Schwestern Weber dieses Gebäude. Johanna Weber, die Ältere, war zu diesem Zeitpunkt 43 Jahre alt, ihre Schwester Margarete 38. Über ihre Herkunft wussten die Dorfbewohner wenig. Die Schwestern hatten angegeben, aus Pforzheim zu stammen und das Gebäude von einem Verwandten geerbt zu haben.

„Die Weberschwestern hielten sich meist für sich“, erinnerte sich später Martha Schneider, die damals im Dorfladen arbeitete. „Sie kamen etwa einmal pro Woche ins Dorf, um Vorräte zu kaufen. Johanna, die Große mit dem strengen Gesicht, erledigte die Einkäufe, während Margarete, die kleinere und rundlichere, meist draußen wartete. Sie sprachen wenig, grüßten höflich, aber distanziert.“ Was die Dorfbewohner befremdete, war ihr finanzieller Wohlstand ohne erkennbare Beschäftigung. Sie bezahlten stets in bar mit neuen Münzen. Als Martha sie einmal fragte, ob sie Besuch erwarteten, lächelte Johanna nur und sagte: „Wir bereiten uns auf den Winter vor. Im Schwarzwald weiß man nie, wie lang und hart er wird.“

Was die Dorfbewohner nicht wussten: Im Keller der alten Mühle hatten die Schwestern umfangreiche Veränderungen vorgenommen. Der große Raum war in mehrere kleinere Kammern unterteilt worden. „Im Nachhinein erscheint es seltsam, dass niemand die Bauarbeiten bemerkt hatte“, schrieb Untersuchungsbeamter Weber. Vermutlich wurden die Arbeiten nachts und von den Schwestern selbst durchgeführt. Nur Karl Hoffmann, der Schmied, hatte 1897 einen Auftrag erhalten. Er sollte schwere Eisentüren anfertigen. „Johanna Weber zahlte im Voraus“, sagte Hoffmann später aus. „Sie bestand darauf, dass ich die Arbeit allein ausführe und niemandem davon erzähle. Sie sagte, es sei eine Überraschung für ihre Schwester.“

In den folgenden Monaten beobachteten einige Dorfbewohner gelegentlich fremde Männer bei den Schwestern. Meist blieben sie nur kurz. Einmal sah der junge Friedrich Bauer einen gut gekleideten Mann zur Mühle gehen. „Drei Tage später sah ich, wie die Schwestern mit einer Schubkarre in den Wald fuhren. Der junge Mann war nicht mehr zu sehen.“ Als Friedrich seine Mutter darauf ansprach, wies sie ihn zurecht: „Misch dich nicht in die Angelegenheiten anderer Leute ein. Die Weberschwestern sind anständige Frauen, die ihre Ruhe haben wollen.“

Doch die Ruhe sollte bald ein Ende finden. Die ersten Vermisstenberichte stammten bereits aus dem Jahr 1895. Anton Müller, ein Tischlergeselle, war verschwunden. Seine letzte Station war das Gasthaus in Schönmünzach. Kurz nach Verlassen des Gasthauses wurde er von Johanna Weber angesprochen. Sie bot ihm eine günstige Übernachtung an – ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte. Die Wende kam im Winter 1899, als die Zahl der Vermissten auffällig anstieg. Der Fall, der die Behörden schließlich alarmierte, war das Verschwinden von Dr. Hermann Schäfer, einem angesehenen Arzt aus Karlsruhe.

Dr. Schäfer wurde nie wieder gesehen. Seine goldene Taschenuhr tauchte jedoch einen Monat später in einem Pfandhaus in Stuttgart auf. Eine große Frau mit strengem Gesicht hatte sie verpfändet und sich als „Frau Dr. Weber“ ausgegeben. Als Förster Bachmann den Schuppen entdeckte, war Dr. Schäfer bereits seit sechs Wochen vermisst. Sein Name stand an letzter Stelle auf der Liste. Die Notiz lautete: „Exzellente Konstitution, gebildet, besonders kräftige Hände, Blutgruppe A.“

Nach dem Fund des unterirdischen Eingangs ordnete der leitende Beamte eine Durchsuchung an. Was die Beamten entdeckten, war unglaublich: Ein schmaler Tunnel führte über fast 800 Meter durch den Wald direkt zum Keller der Webermühle. Als die Gendarmerie am 6. Juni 1899 die Mühle umstellte, fanden sie das Gebäude verlassen vor. Die Schwestern waren überstürzt geflohen. Im Haus herrschte Unordnung, im Kamin lagen Reste verbrannter Papiere. Doch was im Keller gefunden wurde, übertraf die schlimmsten Befürchtungen.

Die Nachricht löste im Dorf Unglauben aus. „Die Schwestern waren immer höflich“, betonte Bürgermeister Wilhelm Krämer. „Sie spendeten sogar für die Reparatur des Kirchendachs.“ Die Behörden hielten Details zunächst zurück, um eine Massenpanik zu verhindern. Im Dorf kursierten wilde Gerüchte: Hexenzirkel, französische Spione oder die Theorie, dass die Schwestern selbst Opfer geworden seien. Pfarrer Theodor Kleinschmidt beschrieb sie als gottesfürchtig: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass christliche Frauen zu solchen Taten fähig wären.“

Die Behörden verfolgten jedoch eine andere Spur. Eine Woche nach der Entdeckung bestätigte Untersuchungsbeamter Weber: „Im Keller wurden modifizierte Räume gefunden, die der Unterbringung von Personen dienten. Die Räume waren mit schweren Eisentüren gesichert, die nur von außen zu öffnen waren.“ Die Presse stürzte sich auf den Fall. Die Berliner Morgenpost titelte: „Schwarzwaldhexen locken 28 Männer in den Tod.“

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In Schönmünzach setzte ein Prozess der Verdrängung ein. Plötzlich wollten alle die Schwestern schon immer als unheimlich empfunden haben. Der Psychologe Dr. Richard Vogt notierte: „Wenn eine Gemeinschaft mit einer so erschütternden Wahrheit konfrontiert wird, neigen die Menschen dazu, ihre eigenen Erinnerungen zu verfälschen, um sich von den Tätern zu distanzieren.“ Besonders der Schmied Karl Hoffmann litt unter dem Verdacht und verließ das Dorf noch im selben Jahr.

Die forensischen Untersuchungen enthüllten eine noch verstörendere Wahrheit: Neben den Zellen fand man ein improvisiertes Labor mit medizinischen Instrumenten. In einem versteckten Raum unter einer Falltür entdeckten die Beamten Gläser mit konservierten organischen Materialien und detaillierte Aufzeichnungen, bekannt als das „Weberprotokoll“. Diese enthielten Berichte über Zuchtversuche mit menschlichen Subjekten.

Niemand wollte die Mühle nach 1899 betreten. Sie verfiel zusehends. „In stürmischen Nächten konnte man hören, wie die losen Bretter gegen die Steinmauern schlugen“, erinnerte sich Bachmann. Das Dorf wurde misstrauischer. Pfarrer Kleinschmidt schrieb: „Sie begannen ihre Türen nachts abzuschließen – etwas, was in unserem kleinen Dorf nie üblich gewesen war.“ Die Familie Bauer berichtete von seltsamen Geräuschen aus Richtung der Mühle: „Ein Wimmern wie von einem verwundeten Tier.“

Während die Fahndung nach den Schwestern weltweit erfolglos blieb, analysierten Experten die Aufzeichnungen. „Die Subjekte reagieren unterschiedlich auf die Stimulation“, hieß es in einem Eintrag. „Die Extraktion verläuft am effizientesten, wenn das Subjekt bei vollem Bewusstsein ist.“ Professor Heinrich Wagner von der Universität Heidelberg kam zu dem Schluss: „Die Weberschwestern scheinen eine Art von genetischem Experiment durchgeführt zu haben. Sie entnahmen Gewebeproben und Körperflüssigkeiten für Zuchtversuche.“

Ein seltener Einblick in das Leid der Opfer stammt aus einem Brief, der 1903 in einer Kellerwand gefunden wurde. Er war mit Kohle auf Stoff geschrieben. „Mein Name ist Ludwig Berger“, begann der Brief. „Ich weiß nicht, wie lange ich hier bin. Tage, Wochen, Monate verschmelzen in der Dunkelheit. Ich höre manchmal andere Männer schreien. Sie kommen meist zu zweit, die große Frau und ihre Schwester. Sie tragen Schürzen wie Metzger und Handschuhe aus Gummi. Sie arbeiten methodisch, ohne Eile oder Emotion.“

Ludwig Berger wurde nie gefunden. Auch Dr. Hermann Schäfer hinterließ Spuren: Einträge im Laborjournal deuten darauf hin, dass er gezwungen wurde, mitzuwirken. „Die Kultivierung mit Serum 23 zeigt vielversprechende Ergebnisse“, notierte er zunächst, doch später wurde er verzweifelt: „Sie haben mir gedroht. Wenn ich nicht kooperiere, werde ich wie die anderen enden. Gott stehe mir bei.“ Die Ermittler vermuteten, dass die meisten Gefangenen durch die ständigen Entnahmen starben und im Wald beim Schuppen beseitigt wurden.

Jahrzehnte vergingen, bis der Historiker Dr. Klaus Wagner 1952 die Akten erneut untersuchte. Er suchte Friedrich Bauer auf, der nun 67 Jahre alt war. Bauer erinnerte sich an die „Augen wie Eis“ der älteren Schwester. Wagner erhielt Zugang zu den versiegelten Berichten und stellte fest, dass die Schwestern an eine Mischung aus Evolutionstheorie und Alchemie glaubten. „Ihr Ziel scheint die Erschaffung eines perfekten Menschen gewesen zu sein“, schrieb er in seinem Buch.

1952 kehrte das Grauen zurück: Wagner erhielt einen Brief von einer Frau, die Johanna Weber 1902 in einem Zug nach Basel gesehen haben wollte. Ein weiterer Hinweis kam von einem Soldaten aus Argentinien, der dort 1943 eine Margarete Weber kennengelernt hatte, die eine Pension betrieb. Tatsächlich starb eine Margarete Weber 1951 in Buenos Aires. Doch die Spur ihrer Schwester Johanna führte zurück in den Schwarzwald.

1953 häuften sich in Schönmünzach Sichtungen einer hageren, alten Frau am Waldrand. Als ein Junge im Wald verschwand und später berichtete, eine alte Frau habe ihm den Weg gezeigt, untersuchte die Polizei den Keller der Mühle erneut. Sie fanden frische Kratzspuren und einen Kerzenstumpf. Klaus Wagner selbst hielt Nachtwache und sah eine Gestalt in die Ruine schlüpfen. Er hörte eine brüchige Stimme im Keller murmeln. Als die Polizei eintraf, war die Person weg, aber ein zweiter, bisher unbekannter Fluchttunnel wurde entdeckt.

1954 fand man bei Ausgrabungen eine weitere unterirdische Kammer – ein perfekt erhaltenes Labor. Dort lagen Dutzende beschriftete Gefäße mit menschlichen Organen und das „dritte Weberprotokoll“. Ein Eintrag vom Juni 1899 lautete: „Es ist vollbracht, das Werk ist vollendet, wir sind mehr als wir waren.“ In einem versteckten Koffer fand man Pässe und Fotos der Schwestern, die bis in die 1950er Jahre reichten. Johanna war offenbar tatsächlich zurückgekehrt.

An seinem letzten Abend im Dorf begegnete Wagner einer alten Frau in der Dorfkneipe. Er wusste sofort, wer sie war. Er trat an ihren Tisch und fragte: „Warum sind Sie zurückgekommen?“ Sie antwortete leise: „Es gibt Dinge, die unvollendet sind. Sie haben unsere Aufzeichnungen gefunden, aber Sie haben sie nicht verstanden. Niemand hat es verstanden.“ Als Wagner sie Mörderin nannte, korrigierte sie ihn kühl: „Wir haben erschaffen. Aus dem Tod kommt Leben.“

Sie sprach von einer „Essenz der Lebenskraft“, die sie konzentriert hätten. „Ich bin nicht zurückgekommen, um gefasst zu werden“, sagte sie. „Ich bin zurückgekommen, um zu bestätigen, dass es überdauert hat.“ Dann verschwand sie in der Nacht. Wagner informierte die Polizei, doch sie blieb unauffindbar. Kurz darauf wurde die Mühle gesprengt und mit Beton verfüllt.

In den Jahren nach dem Abriss starben mehrere Wissenschaftler, die mit dem Fall befasst waren, an plötzlichem Herzversagen – auch Dr. Klaus Wagner im Jahr 1967. Er hinterließ ein Paket mit der Warnung, dass die Materialien eine Art biologische Kontamination verursacht haben könnten. Er vermutete, dass die Schwestern eine Methode zur physischen Fortsetzung des Bewusstseins gesucht hatten.

Heute, im Jahr 2025, ist Schönmünzach ein friedlicher Ort. Doch 2020 entdeckten Bauarbeiter erneut Tunnel, die tiefer und verzweigter waren als vermutet. Die Behörden versiegelten sie sofort. Die Einheimischen schweigen für die Touristen, doch untereinander erzählen sie sich die Geschichte weiter. Thomas Bauer sagt: „Manchmal, wenn ich allein im Wald bin, höre ich es. Ein Pulsieren tief unter der Erde, wie ein langsamer Herzschlag.“ Ein Echo dessen, was die Schwestern Weber hinterlassen haben – ein Vermächtnis, das die Grenzen des Verstehens überschreitet.

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Deutsche Kriegsgefangene in Alabama wurden zu amerikanischen Familienessen eingeladen..Hnewslitetoday247.com /minhanh8386/deutsche-kriegsgefangene-in-alabama-wurden-zu-amerikanischen-familienessen-eingeladen/ Deutsche Kriegsgefangene in Alabama wurden zu amerikanischen Familienessen eingeladen. minhanh838624-30 minutes Am Morgen des 3. November 1943 um 6:30 Uhr stand Feldwebel Friedrich Hartmann im Laderaum eines Liberty-Schiffes, zwölf Meilen vor der Mobile Bay, und blickte durch ein Bullauge, während die Küste Alabamas im Nebel auftauchte. Er war 26 Jahre alt und acht Monate zuvor am Kasserine-Pass in Tunesien gefangen genommen worden. Für die Zerstörung von drei amerikanischen Panzern bei El Guettar war er mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse ausgezeichnet worden. Die amerikanischen Wachen hatten ihm gesagt, dass er in ein Kriegsgefangenenlager gebracht würde. Hartmann erwartete Stacheldraht, Wachtürme und Hungerrationen. Was er nicht erwartete, war eine Einladung zum Thanksgiving-Essen auf einem Bauernhof bei einer Familie, deren Sohn in Frankreich gegen Deutschland kämpfte. Friedrich Hartmann war 1938 der Wehrmacht beigetreten. Bis 1942 war er Panzerkommandant in der 21. Panzerdivision des Afrikakorps unter Rommel. Er kämpfte bei Gazala, bei Tobruk und bei El Alamein. Im Februar 1943 wurde sein Panzer am Kasserine-Pass von amerikanischer Artillerie getroffen. Die Granate durchschlug die Heckpanzerung und tötete Fahrer und Ladeschützen. Hartmann und sein Richtschütze, Gefreiter Hans Meier, überlebten. Sie ergaben sich am 22. Februar amerikanischer Infanterie. Hartmann verbrachte drei Monate in einem provisorischen Kriegsgefangenenlager in Tunesien und anschließend zwei Monate in einem Verarbeitungszentrum in Marokko. Im September 1943 wurde er zusammen mit 847 anderen deutschen Gefangenen auf ein Transportschiff verladen, das in die Vereinigten Staaten fuhr. Die Überfahrt dauerte 19 Tage. Die Gefangenen wurden unter Deck in umgebauten Laderäumen untergebracht. Sie schliefen auf Leinwandpritschen, die dreistöckig übereinanderstanden. Sie aßen zweimal täglich Suppe, Brot und gelegentlich Fleisch. Es war besseres Essen, als Hartmann in den letzten Monaten in Nordafrika bekommen hatte, als Rommels Versorgungslinien zusammenbrachen. Die amerikanischen Wachen waren professionell, aber distanziert. Keine Gespräche über Befehle hinaus, keine Informationen über das Ziel außer „Kriegsgefangenenlager Alabama“. Das Schiff legte am 3. November um 11:23 Uhr in Mobile an. Die Gefangenen wurden in Gruppen zu je 50 Mann von Bord geführt. Amerikanische Militärpolizei säuberte den Kai. Zivilisten beobachteten das Geschehen aus der Ferne. Einige schwiegen, ein paar riefen Beleidigungen, die meisten starrten nur. Hartmann fragte sich, was sie sahen, wenn sie ihn ansahen: Einen Nazi, einen Soldaten oder einfach einen jungen Mann, der auf der falschen Seite einer Schlacht gestanden hatte? Die Gefangenen wurden auf Lastwagen verladen, GMC-Zweieinhalbtonner mit Planenabdeckung, jeweils 40 Mann pro Fahrzeug. Der Konvoi verließ Mobile in nördlicher Richtung. Hartmann saß nah an der Heckklappe und beobachtete Alabama durch eine Lücke in der Plane. Kiefernwälder, kleine Städte, Ackerland. Nichts erinnerte an Nordafrika. Grün statt braun, feucht statt trocken. Nach drei Stunden bog der Konvoi auf eine Schotterstraße ab und hielt an einem Tor. Camp Aliceville: Ein zwölf Fuß hoher Stacheldrahtzaun, an jeder Ecke Wachtürme mit Scheinwerfern und Maschinengewehren. Jenseits des Zauns standen Reihen weiß gestrichener Holzbaracken. Das Tor öffnete sich und die Lastwagen fuhren hinein. Hartmann und die anderen Gefangenen wurden in einem großen Sammelbereich ausgeladen. Ein amerikanischer Offizier sprach sie auf Deutsch an. Sein Akzent war schrecklich, aber die Botschaft klar. Sie waren Kriegsgefangene unter dem Schutz der Genfer Konvention. Sie würden menschlich behandelt werden. Sie würden arbeiten. Sie würden Befehlen gehorchen. Jeder Fluchtversuch würde streng bestraft. Die Aufnahme dauerte vier Stunden: Name, Dienstgrad, Erkennungsmarkennummer, ärztliche Untersuchung, Entlausung, Uniformtausch. Die deutschen Uniformen wurden eingezogen und durch amerikanische Arbeitskleidung ersetzt, blau gefärbt mit den weiß aufgemalten Buchstaben „PW“ auf dem Rücken. Hartmann wurde dem Lagerbereich B zugeteilt, Baracke 14, Pritsche 23. Er ging zur Baracke und trug eine dünne Matratze, eine Decke, ein Kissen und ein Handtuch. Die Baracke war 100 Fuß lang und 24 Fuß breit, mit 60 Betten in zwei Reihen und je einem Holzofen an jedem Ende. Hartmann wählte eine untere Pritsche nahe der Mitte. Meier nahm die darüber liegende. Um sie herum packten andere Gefangene kleine Beutel mit persönlichen Gegenständen aus: Fotografien, Briefe, Bücher. Hartmann hatte keine persönlichen Dinge. Alles, was er besessen hatte, war zerstört worden, als sein Panzer getroffen wurde. Er legte sich auf die Pritsche und starrte auf die Deckenbretter. Draußen ertönte das abendliche Signalhorn. Licht aus in 30 Minuten. Der November wurde zum Dezember. Hartmann lernte den Lageralltag kennen: Wecken um 5 Uhr durch Trompetensignal, Zählappell um 5:30 Uhr, Frühstück um 6 Uhr, Arbeitseinteilung um 7 Uhr. Die meisten Gefangenen wurden auf Farmen im Umkreis von 50 Meilen geschickt. Sie pflückten Baumwolle, ernteten Erdnüsse, fällten Holz. Hartmann wurde einer Farm zugeteilt, die einem Mann namens Thomas Bradford gehörte. Die Farm umfasste 380 Äcker, überwiegend Baumwolle, dazu Mais und Gemüse. Bradford war 53 Jahre alt. Sein Sohn James diente in der 2. US-Panzerdivision in Italien. Bradford brauchte Arbeitskräfte, da die meisten jungen Männer der Gegend beim Militär waren. Er hatte bei der Lagerverwaltung deutsche Kriegsgefangene angefordert und erhielt Hartmann sowie fünf weitere Deutsche. Sie kamen jeden Morgen um 7:30 Uhr in einem von einem amerikanischen Wachposten gefahrenen Lastwagen auf der Farm an. Sie arbeiteten bis 17 Uhr und kehrten dann ins Lager zurück. Am ersten Tag ging Bradford mit ihnen über die Felder und erklärte, was zu tun war. Sein Ton war sachlich. Er zeigte ihnen, wie man den Baumwollpflücker bediente, eine mechanische Maschine, die von einem Traktor gezogen wurde. Hartmann hatte so etwas noch nie gesehen. In Deutschland wurde die Landwirtschaft meist noch von Hand oder mit Pferdegespannen betrieben. Bradfords Farm hatte Traktoren, mechanische Pflücker und benzinbetriebene Pumpen zur Bewässerung. Die amerikanische Landwirtschaft war industrialisiert. Bradford beobachtete Hartmann drei Stunden lang bei der Arbeit, bevor er ihn direkt ansprach. Er fragte, ob Hartmann vor dem Krieg in der Landwirtschaft gearbeitet habe. Hartmann verneinte. Er habe in einer Fahrradfabrik in Stuttgart gearbeitet. Bradford fragte, wie er in einen Panzer gekommen sei. Hartmann erklärte, dass er 1938 eingezogen worden sei, zunächst als Mechaniker ausgebildet wurde, dann als Panzerfahrer und schließlich zum Kommandanten befördert wurde, nachdem sein vorheriger Kommandant bei Gazala gefallen war. Bradford nickte und sagte einen Moment lang nichts. Dann sagte er: „Mein Sohn ist ebenfalls Panzerkommandant. Sherman-Panzer, irgendwo in Italien. Ich habe seit sechs Wochen nichts von James gehört.“ Hartmann wusste nicht, was er sagen sollte. Er hatte in Nordafrika gegen amerikanische Panzer gekämpft. Er hatte bei El Guettar drei Shermans zerstört. Er erwähnte das nicht. Stattdessen sagte er, er hoffe, Bradfords Sohn sei in Sicherheit. Bradford sah ihn aufmerksam an, als müsse er entscheiden, ob Hartmann es ernst meinte. Dann drehte er sich um und ging zurück zum Farmhaus. Die Arbeit ging den ganzen Dezember über weiter, sechs Tage die Woche, zehn Stunden am Tag. Hartmann und die anderen Gefangenen erhielten 80 Cent pro Tag, ausgezahlt in Lagerscheinen, die im Lagerladen eingelöst werden konnten. Der Laden verkaufte Zigaretten, Süßigkeiten, Hygieneartikel und Schreibpapier. Hartmann sparte sein Geld. Er brauchte keine Zigaretten und hatte nichts, worüber er schreiben konnte. Seine Eltern waren tot. Seine Schwester hatte vor dem Krieg geheiratet und war nach Bayern gezogen. Seit 1942 hatte er keinen Kontakt mehr zu ihr. Am 18. Dezember trat Bradford während der Mittagspause an Hartmann heran. Er stand in der Tür und bat Hartmann nach draußen zu kommen. Hartmann folgte ihm auf die Veranda des Farmhauses. Bradfords Frau Margaret stand dort. Sie war 48 Jahre alt, schlank, mit grauem Haar, das zu einem Knoten zurückgebunden war. Ihr Gesichtsausdruck war für Hartmann schwer zu deuten – nicht feindselig, aber auch nicht freundlich. Vorsichtig. Bradford sagte, seine Frau wolle Hartmann etwas fragen. Margaret Bradford trat vor und fragte, ob Hartmann gern am Weihnachtsessen der Familie teilnehmen würde. Hartmann verstand zunächst nicht. Sein Englisch war begrenzt und ihr Akzent war stark. Bradford wiederholte die Frage langsamer: „Weihnachtsessen bei uns zu Hause, mit unserer Familie.“ Hartmann blickte zwischen ihnen hin und her, unsicher, ob dies erlaubt war. Er sagte, er benötige die Genehmigung des Lagerkommandanten. Margaret Bradford sagte, sie hätten die Genehmigung bereits eingeholt. Der Kommandant habe zugestimmt. Hartmann werde am Weihnachtstag aus dem Lager entlassen und von einem Wachposten zur Farm gebracht. Er würde den Nachmittag mit der Familie Bradford verbringen und am Abend ins Lager zurückkehren. Sie fragte ihn erneut, ob er kommen wolle. Hartmann sagte ja. Er wusste nicht, warum er ja gesagt hatte. Vielleicht, weil es unhöflich gewesen wäre, nein zu sagen. Vielleicht aus Neugier. Vielleicht, weil er seit 1941 kein Weihnachten mehr gefeiert hatte. Der Weihnachtsmorgen kam kalt und klar. Die Temperatur bei Tagesanbruch betrug 34 Grad Fahrenheit. Hartmann zog seine sauberste Uniform an und meldete sich um 8 Uhr morgens am Tor. Ein Wachposten fuhr ihn mit einem Jeep zur Bradford-Farm. Der Wachposten hieß Corporal Anderson. Er sagte Hartmann: „Ich werde während des Essens draußen vor dem Farmhaus warten. Falls Sie versuchen zu fliehen, werde ich Sie erschießen.“ Hartmann sagte, er habe verstanden. Das Farmhaus der Bradfords war zweistöckig, weiß gestrichen und hatte eine breite Veranda. Rauch stieg aus dem Schornstein auf. Als Hartmann sich näherte, roch er Essen, das gerade zubereitet wurde: Gebratenes Fleisch, frisch gebackenes Brot, etwas Süßes. Die Haustür öffnete sich, noch bevor er die Veranda erreicht hatte. Margaret Bradford stand dort in einem blauen Kleid und einer weißen Schürze. Sie bat ihn herein. Das Haus war warm. Im Wohnzimmer brannte ein Feuer im Kamin. In der Ecke stand ein Weihnachtsbaum, geschmückt mit handgemachten Ornamenten und Girlanden aus Popcorn. Hartmann hatte seit 1941 keinen Weihnachtsbaum mehr gesehen. Margaret führte ihn ins Esszimmer, wo der Tisch für sieben Personen gedeckt war. Thomas Bradford saß bereits am Kopfende des Tisches. Drei weitere Personen waren anwesend: Bradfords Mutter Ruth, 81 Jahre alt; Bradfords Tochter Sarah, 19, die von der Krankenpflegeschule in Birmingham nach Hause gekommen war; und Sarahs Verlobter, Leutnant Robert Hay, 24, der vor seinem Einsatz in Europa Urlaub von Fort Benning hatte. Leutnant Hay stand auf, als Hartmann den Raum betrat. Seine Hand bewegte sich zu seiner Seitenwaffe, hielt dann jedoch inne. Der Moment war angespannt. Hay trug seine Dienstuniform, Hartmann trug Gefangenenkleidung mit den aufgestempelten Buchstaben „PW“ auf dem Rücken. Technisch und rechtlich waren sie Feinde, doch sie waren auch Gäste beim selben Weihnachtsessen. Thomas Bradford löste die Spannung, indem er alle vorstellte. Er deutete Hartmann an, sich zu setzen. Der Stuhl stand gegenüber von Leutnant Hay. Das Essen begann mit einem Gebet. Thomas Bradford senkte den Kopf und dankte Gott für das Essen, für die Familie und für die sichere Rückkehr derer, die fort gewesen waren. Er erwähnte seinen Sohn James namentlich. Er bat um Schutz für alle Soldaten, die im Ausland kämpften. Er spezifizierte weder welche Soldaten noch auf welcher Seite. Hartmann hielt den Kopf gesenkt, schloss aber die Augen nicht. Er hatte 1942 nach El Alamein aufgehört zu beten. Das Essen war außergewöhnlich: Gebratener Truthahn, Kartoffelpüree, grüne Bohnen, Maisbrot, Süßkartoffelauflauf, Preiselbeersauce – mehr Essen, als Hartmann in zwei Jahren gesehen hatte. Margaret Bradford servierte jedem, dann setzte sie sich selbst. Mehrere Minuten lang sprach niemand. Sie aßen. Hartmann aß langsam und versuchte nicht zu gierig zu wirken. Der Truthahn war saftig und perfekt gewürzt. Er hatte vergessen, dass Essen so schmecken konnte. Sarah Bradford brach das Schweigen. Sie fragte Hartmann, woher aus Deutschland er stamme. Hartmann sagte: „Stuttgart.“ Sarah sagte, sie habe in der Schule Deutsch gelernt und habe Deutschland immer besuchen wollen, bevor der Krieg ausbrach. Sie fragte, wie Stuttgart sei. Hartmann beschrieb die Stadt, wie er sie in Erinnerung hatte – die Fabriken, die Weinberge an den Hügeln, das Alte Schloss. Er hatte seit Monaten nicht mehr an Stuttgart gedacht. Darüber zu sprechen, machte die Erinnerungen schärfer. Leutnant Hay fragte Hartmann, wo er gekämpft habe. Hartmann zögerte. Er blickte zu Thomas Bradford. Bradford nickte leicht. Hartmann sagte, er habe in Nordafrika mit der 21. Panzerdivision gekämpft. Hay beugte sich vor. Er fragte nach den Schlachten. Hartmann nannte sie: Gazala, Tobruk, El Alamein, Kasserine-Pass. Hay fragte nach Kasserine. Die amerikanischen Streitkräfte hatten dort schwere Verluste erlitten. Hartmann beschrieb die Schlacht aus seiner Perspektive: Das Chaos, den Staub, die amerikanischen Panzer, die durch den Pass vorrückten, den deutschen Gegenangriff. Er erklärte, wie sein Panzer getroffen worden war und wie er sich ergeben hatte. Hay hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen. Als Hartmann fertig war, sagte Hay: „Mein Bruder ist am Kasserine-Pass gefallen. Er war Leutnant in der 1. Infanteriedivision. Er wurde am 20. Februar getötet, als seine Stellung von deutschen Panzern überrannt wurde.“ Hay sagte es ohne Wut, er stellte es als Tatsache fest. Hartmann wusste nicht, was er sagen sollte. Er hatte amerikanische Soldaten bei Kasserine getötet. Er wusste nicht, ob einer von ihnen Hays Bruder gewesen war. Die Wahrscheinlichkeit war gering, aber nicht null. Der Tisch wurde still. Margaret Bradford stand auf und begann, die Teller abzuräumen. Sarah half ihr. Thomas Bradford füllte die Kaffeetassen nach. Ruth Bradford, die während des Essens kein Wort gesagt hatte, sprach zum ersten Mal. Sie fragte Hartmann, ob er Familie in Deutschland habe. Hartmann sagte, seine Eltern seien tot und er habe den Kontakt zu seiner Schwester verloren. Ruth sagte: „Der Krieg trennt Familien. Mein Mann hat im Ersten Weltkrieg gekämpft und ist drei Jahre lang nicht nach Hause gekommen. Als er schließlich zurückkehrte, war unser Sohn zwei Jahre alt und hat ihn nicht erkannt.“ Zum Nachtisch gab es Pekannusstorte mit Schlagsahne. Hartmann hatte noch nie Pekannusstorte gegessen. Die Süße war nach Monaten von fade schmeckendem Lageressen fast überwältigend. Nach dem Dessert lud Thomas Bradford Hartmann ins Wohnzimmer ein. Bradford stellte Hartmann eine Frage, die ihn überraschte. Er fragte, ob Hartmann glaube, dass Deutschland den Krieg gewinnen werde. Hartmann antwortete ehrlich. Er sagte: „Nein. Deutschland hat 1942 die Initiative verloren. Die Ostfront bricht zusammen. Die Alliierten kontrollieren den Luftraum über Europa. Die amerikanische Industriekapazität ist überwältigend. Deutschland kann noch ein Jahr, vielleicht zwei kämpfen, aber der Ausgang ist unvermeidlich.“ Bradford fragte, ob Hartmann geglaubt habe, Deutschland würde gewinnen, als er der Wehrmacht beigetreten sei. Hartmann sagte: „Ja. 1938 haben alle daran geglaubt. Die Siege in Polen, Frankreich, auf dem Balkan – Deutschland hat unaufhaltsam gewirkt. Dann kam Russland. Dann El Alamein. Dann sind die Illusionen gestorben.“ Um 15:30 Uhr rief Margaret Bradford alle zurück ins Esszimmer. Sie hatte Kaffee und kleine Kuchen bereitgestellt. Sarah brachte einen Plattenspieler und legte Weihnachtsmusik auf. Deutsche Weihnachtslieder: „Stille Nacht“, „O Tannenbaum“. Hartmann erkannte die Melodien sofort. Sarah erklärte, ihre Großmutter habe die Schallplatten vor dem Krieg gekauft. Ruth Bradfords Eltern seien in den 1880er Jahren aus Deutschland eingewandert. Sie sei mit Deutsch als Haussprache aufgewachsen. Die Familie habe jedes Jahr deutsche Weihnachtslieder gesungen. Ruth Bradford setzte sich in einen Sessel nahe dem Plattenspieler. Sie begann auf Deutsch mitzusingen. Ihre Stimme war dünn, aber sicher. Sarah stimmte mit ein, ihre Aussprache vorsichtig, aber korrekt. Margaret summte die Melodien. Thomas Bradford saß still und hörte zu. Hartmann fand sich selbst singend wieder. Er hatte seit seiner Abreise aus Deutschland nicht mehr gesungen. Die Worte kamen automatisch: „Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft, einsam wacht.“ Leutnant Hay stand im Türrahmen und beobachtete sie. Er sang nicht. Nach drei Liedern winkte Ruth Bradford Hartmann zu sich. Sie sprach ihn auf Deutsch an. Sie fragte, ob er Familie habe, die in Deutschland auf ihn warte. Hartmann erklärte erneut, dass seine Eltern tot seien und seine Schwester vermisst werde. Ruth sagte: „Ich werde für die Sicherheit Ihrer Schwester beten.“ Hartmann dankte ihr. Sie war freundlich. Das war selten genug, dass er es ohne Widerrede annahm. Um 17 Uhr klopfte Corporal Anderson an die Tür. Es war Zeit, ins Lager zurückzukehren. Hartmann stand auf und dankte der Familie Bradford. Margaret gab ihm ein kleines, in braunes Papier gewickeltes Paket. Sie sagte, es enthalte übrig gebliebenen Truthahn und Kuchen für ihn, um sie mit ins Lager zu nehmen. Hartmann trug das Paket zum Jeep. Als sie davonfuhren, blickte er zurück auf das Farmhaus. Sarah und ihre Großmutter standen auf der Veranda und winkten. Thomas Bradford stand hinter ihnen und hob die Hand zum Abschied. Am Lagertor durchsuchten die Wachposten das Paket. Sie fanden Truthahn, Kuchen und einen kleinen Zettel, geschrieben in Margaret Bradfords Handschrift. Auf dem Zettel stand: „Möge Gott Sie beschützen und Sie sicher nach Hause bringen, wenn dieser Krieg endet.“ Die Wachposten ließen ihm sowohl das Essen als auch den Zettel. Hartmann kehrte in seine Baracke zurück und teilte den Truthahn und den Kuchen mit Meier und vier weiteren Männern aus seinem Arbeitskommando. Sie aßen langsam und genossen jeden Bissen. Einer der Männer fragte, wie die Familie Bradford sei. Hartmann sagte: „Sie waren freundlich.“ Der Mann sagte: „Das ergibt keinen Sinn.“ Hartmann stimmte zu. Nichts an allem ergab einen Sinn. Der Januar 1944 brachte kälteres Wetter und mehr Arbeit. Die Baumwollernte war abgeschlossen. Die Gefangenen wurden dem Holzeinschlag in den Wäldern nördlich von Aliceville zugeteilt. Hartmann arbeitete sechs Tage die Woche damit, Kiefern zu fällen und sie auf Lastwagen zu laden. Die Arbeit war härter als die Feldarbeit, aber sie hielt ihn beschäftigt. Sie hielt ihn davon ab, zu viel über den Krieg nachzudenken, über Deutschland, darüber, was passieren würde, wenn alles vorbei war. Im Februar beantragte Thomas Bradford, Hartmann und sein Arbeitskommando für die Frühjahrsaussaat wieder auf die Farm zurückzuholen. Die Lagerverwaltung genehmigte es. Hartmann kehrte am 1. März auf die Bradford-Farm zurück. Die Felder wurden für Baumwolle und Mais vorbereitet. Bradford hatte einen neuen Traktor gekauft und benötigte Hilfe bei der Bedienung. Hartmann lernte schnell. Die Maschine war einfacher als ein Panzer. Am 15. März traf ein Telegramm auf der Farm ein. Hartmann arbeitete auf dem nördlichen Feld, als er Bradford vom Farmhaus auf sich zukommen sah. Bradfords Gesicht war bleich, seine Hände zitterten. Er hielt ein gelbes Telegramm. Einen Moment lang sagte er nichts. Dann sagte er: „Mein Sohn James ist in Italien gefallen, am 9. März. Sein Sherman-Panzer wurde nahe Anzio von deutschem Panzerabwehrfeuer getroffen.“ Er war sofort gestorben, zusammen mit drei weiteren Besatzungsmitgliedern. Hartmann stellte den Traktor ab. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Bradford stand dort und hielt das Telegramm. Schließlich sagte Hartmann: „Es tut mir leid.“ Bradford sah ihn an. Der Ausdruck in seinem Gesicht war kein Zorn. Es war etwas Schlimmeres: Verwirrung, Schmerz. Er sagte: „James war 22 Jahre alt. Er hat 1940 die Highschool abgeschlossen. Er wollte Ingenieurwesen studieren. Er ist 1941 nach Pearl Harbor zur Armee gegangen.“ Bradford wandte sich ab und ging zurück zum Farmhaus. Hartmann startete den Traktor erneut und arbeitete weiter. Die Beerdigung fand am 19. März in der Baptistengemeinde in Aliceville statt. Hartmann nahm nicht teil. Er war ein Gefangener; seine Anwesenheit wäre unangebracht gewesen. Doch am 20. März, als er zur Arbeit auf die Farm zurückkehrte, erwartete ihn Margaret Bradford am Tor. Sie fragte, ob er James’ Grab sehen wolle. Hartmann verstand nicht, warum sie ihn das fragte, aber er sagte ja. Margaret fuhr ihn mit dem Familientruck zum Friedhof. Der Wachposten, Corporal Anderson, saß mit seinem Gewehr auf der Ladefläche. Der Friedhof war klein und von Kiefern umgeben. Margaret führte Hartmann zu einem frischen Grab mit einem provisorischen Holzkreuz. Das Kreuz war weiß gestrichen, mit James Bradfords Namen und den eingravierten Daten 1922 bis 1944. 22 Jahre alt – jünger als Hartmann. Margaret kniete am Grab nieder und legte Blumen auf die Erde. Sie sagte: „James hat in seinem letzten Brief über deutsche Kriegsgefangene geschrieben. Er sagte, die meisten von ihnen seien einfach junge Männer, die nach Hause wollten. Er hat sie nicht gehasst. Er hat den Krieg gehasst, aber die einzelnen Soldaten haben nur getan, was man ihnen befohlen hat, genauso wie er selbst.“ Margaret sah zu Hartmann auf. Sie sagte: „Ich hasse Sie auch nicht. Ich kann es mir nicht leisten zu hassen. Hass erfordert Energie, die ich nicht habe.“ Hartmann stand am Grab und schwieg. Er dachte an die amerikanischen Panzer, die er bei El Guettar zerstört hatte. Die Männer in diesen Panzern waren wie James Bradford gewesen: Jung, Befehle befolgend, mit dem Wunsch, nach Hause zurückzukehren. Hartmann hatte sie effizient und professionell getötet, ohne darüber nachzudenken, wer sie waren. Das war Krieg: Den Feind auf Ziele reduzieren, nicht an ihre Familien denken, einfach das Ziel zerstören und zum nächsten übergehen. Doch nun stand er am Grab eines Mannes, der von Deutschen getötet worden war, genauso wie Hartmann selbst es getan hatte – den Feind zu einem Ziel gemacht, es effizient zerstört, weitergezogen. Diese Symmetrie war vollkommen und schrecklich. Margaret Bradford stand auf und sagte, es sei Zeit, zur Farm zurückzukehren. Hartmann folgte ihr zum Truck. Sie fuhren schweigend zurück. Die Arbeit ging durch Frühling und Sommer weiter: Aussaat, Bewässerung, Jäten. Die Kriegsnachrichten erreichten das Lager über Zeitungen und Radio. D-Day im Juni. Die Befreiung Frankreichs. Sowjetische Vorstöße im Osten. Deutsche Städte wurden rund um die Uhr bombardiert. Der Krieg ging zu Ende, jeder wusste es. Die einzige Frage war wann. Im September fragte Thomas Bradford Hartmann nach seinen Plänen für die Zeit nach dem Krieg. Hartmann sagte, er wisse es nicht. Deutschland werde besetzt und zerstört sein. Er habe kein Zuhause, zu dem er zurückkehren könne. Keine Familie, die auf ihn warte. Bradford sagte: „Sie können in Alabama bleiben, wenn Sie wollen. Ich kann Sie für ein Arbeitsvisum sponsern. Die Farm braucht zuverlässige Arbeiter. Sie sind zuverlässig. Sie können Arbeit haben, einen Platz zum Leben, eine Zukunft.“ Hartmann antwortete nicht sofort. Er dachte drei Tage lang darüber nach. Dann sagte er Bradford, dass er das Angebot zu schätzen wisse, aber nach Deutschland zurückkehren müsse. Er müsse seine Schwester finden. Er müsse sehen, was von seinem Land geblieben sei. Bradford verstand das. Er sagte, das Angebot bleibe bestehen, falls Hartmann seine Meinung ändere. Der Krieg in Europa endete am 8. Mai 1945. Das Lager brach in Jubel aus – nicht die Gefangenen, sondern die Wachposten. Der Krieg war vorbei. Die meisten von ihnen würden nach Hause gehen. Die Gefangenen blieben still. Ihr Krieg war nicht vorbei. Sie waren immer noch Gefangene. Sie würden es bleiben, bis die Rückführungsverfahren abgeschlossen seien. Das konnte Monate dauern. Hartmann blieb bis März 1946 im Camp Aliceville, zehn Monate nach der Kapitulation Deutschlands. In dieser Zeit arbeitete er weiterhin auf der Bradford-Farm. Der Alltag änderte sich nie: Sechs Tage Arbeit, Sonntag Ruhe. An seinem letzten Tag auf der Farm gab Thomas Bradford ihm einen Umschlag. Darin waren 400 Dollar in amerikanischer Währung. Bradford sagte, es sei die Bezahlung für zwei Jahre gute Arbeit. Hartmann versuchte abzulehnen, doch Bradford bestand darauf. Er sagte: „Sie haben es verdient.“ Margaret Bradford gab ihm ein weiteres Paket: Essen für die Reise zurück nach Deutschland – Brot, Käse, getrocknetes Fleisch, Kekse. Sie sagte, sie hoffe, er finde seine Schwester. Sie sagte, sie hoffe, Deutschland könne wieder aufgebaut werden und Frieden finden. Sie sagte, sie werde für ihn beten. Hartmann nahm das Paket an und dankte ihr. Er meinte es ernst. Das Rückführungsschiff legte am 23. März 1946 in Newport News, Virginia, ab. Hartmann stand an der Reling, als die amerikanische Küste verschwand. Er dachte an Alabama, an die Farm, an die Familie Bradford, an das Weihnachtsessen, an James Bradfords Grab, an Leutnant Hay und seinen toten Bruder, an die seltsame, unmögliche Güte von Menschen, die allen Grund gehabt hätten, ihn zu hassen, sich aber dagegen entschieden hatten. Das Schiff erreichte Bremerhaven am 11. April. Deutschland lag in Trümmern: Zerstörte Städte, zusammengebrochene Infrastruktur, Millionen Obdachlose. Das Land, das Hartmann 1942 verlassen hatte, existierte nicht mehr. Er suchte sechs Monate lang nach seiner Schwester. Im August 1946 fand er sie in einem Lager für Displaced Persons in der Nähe von München. Sie hatte den Krieg überlebt. Ihr Mann hatte es nicht. Sie hatte zwei Kinder.