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(1898, Harz) Die Makabre Geschichte der Familie Folling – 13 Kinder ohne Geburtsurkunden.H

Im Jahr 1898 beherbergte das Harzgebirge, jene düstere Bergregion zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, ein Geheimnis, das erst Jahrzehnte später ans Licht kommen sollte. Zwischen den dichten Fichtenwäldern und nebelverhangenen Tälern, etwa 8 km südlich von Clausthal-Zellerfeld, stand ein Bauernhof, der von den Einheimischen schlicht als das Folling-Anwesen bezeichnet wurde. Die Familie Folling war in der Region nicht unbekannt. Heinrich Volling, ein Mann mittleren Alters mit wettergeprägtem Gesicht, bewirtschaftete das abgelegene Gehöft zusammen mit seiner Frau Martha.

Was die Nachbarn jedoch jahrelang nicht wussten, war die Anzahl der Kinder, die auf diesem abgeschiedenen Hof lebten. Pastor Wilhelm Brenner vom nahegelegenen Dorf Altenau führte seit 1892 akribisch Buch über alle Geburten, Todesfälle und Eheschließungen seiner Gemeinde. Als er 1899 eine Bestandsaufnahme seiner Kirchenbücher vornahm, stieß er auf eine merkwürdige Unstimmigkeit. Die Familie Folling war zwar in seinen Unterlagen verzeichnet – Heinrich und Martha hatten 1887 geheiratet und ein Sohn namens Johann war 1888 getauft worden – doch Pastor Brenner erinnerte sich deutlich daran, bei seinen seltenen Besuchen des abgelegenen Hofes weit mehr Kinder gesehen zu haben.

Am 12. Oktober 1899 machte sich Pastor Brenner auf den beschwerlichen Weg zum Follinghof. Der Pfad war kaum mehr als ein schmaler Trampelpfad, der sich durch das dichte Unterholz schlängelte. Als er das Gehöft erreichte, bot sich ihm ein Anblick, den er nie vergessen sollte. Vor der wettergegerbten Holzhütte spielten nicht zwei oder drei Kinder, wie seine Aufzeichnungen vermuten ließen, sondern 13. Dreizehn Kinder unterschiedlichen Alters, von einem Kleinkind bis hin zu Jugendlichen, bewegten sich still und geordnet um das Anwesen. Ihre Kleidung war einfach, aber sauber. Ihre Gesichter zeigten eine eigenartige Ruhe, als hätten sie gelernt, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Als Pastor Brenner Heinrich Volling auf die fehlenden Geburtsurkunden ansprach, antwortete dieser ausweichend: „Die Kinder sind alle hier, Pastor. Gott hat uns reich gesegnet.“ Auf die Frage nach den kirchlichen Aufzeichnungen zuckte Heinrich nur mit den Schultern: „Papiere verlieren sich manchmal in diesen Bergen.“ Was Pastor Brenner besonders beunruhigte, war die Art, wie die Kinder sich verhielten. Sie sprachen nicht, es sei denn, sie wurden direkt angesprochen. Sie bewegten sich leise, fast geräuschlos über den Hofplatz und ihre Augen – ihre Augen schienen eine Vorsicht zu bergen, die bei Kindern dieses Alters ungewöhnlich war. Der Pastor verließ den Hof mit mehr Fragen als Antworten. In seinem Tagebuch notierte er an jenem Abend: „Das Folling-Anwesen birgt Geheimnisse, die sich nicht mit gewöhnlichen Erklärungen erschließen lassen. 13 Kinder und nur eines davon in meinen Büchern verzeichnet.“

Der Follinghof lag in einem Tal, das von hohen Fichten umschlossen war. Das nächste bewohnte Gebäude befand sich über drei Kilometer entfernt. Ein Umstand, der der Familie die Abgeschiedenheit bot, die sie offenbar suchte. Das zweistöckige Bauernhaus aus dunklem Holz und Feldstein schien fest in die Landschaft verwurzelt zu sein, als wäre es über Generationen langsam aus dem Boden gewachsen. Martha Volling führte den Haushalt mit militärischer Präzision. Jeden Morgen um 5 Uhr erklang eine kleine Glocke, die die Kinder zum Aufstehen rief. Das Frühstück bestand aus dünnem Haferbrei und gelegentlich einem Stück Schwarzbrot. Die Mahlzeiten verliefen in vollkommener Stille. Gespräche waren nicht erwünscht, Lachen war selten zu hören.

Heinrich Volling widmete sich hauptsächlich der Landwirtschaft. Sein kleiner Hof brachte gerade genug ein, um die große Familie zu ernähren. Die älteren Kinder halfen bei der Feldarbeit, während die jüngeren für die Hausarbeit eingeteilt wurden. Jedes Kind hatte seine festgelegte Aufgabe, seinen Platz in der starren Ordnung des Hofes. Was den wenigen Besuchern auffiel, die gelegentlich den Weg zum Follinghof fanden, war die außergewöhnliche Disziplin der Kinder. Sie gehorchten sofort und ohne Widerworte. Sie stellten keine Fragen. Sie weinten nicht, wenn sie sich verletzten. Es war, als hätten sie gelernt, unsichtbar zu sein.

Der Dorfbote Karl Meering, der einmal monatlich Post in die entlegenen Gehöfte brachte, erinnerte sich später: „Diese Kinder waren wie Schatten. Man hörte sie nicht kommen, man hörte sie nicht gehen. Und wenn man sie ansprach, antworteten sie nur mit ‚Ja, Herr‘ oder ‚Nein, Herr‘.“ Die Innenräume des Hauses waren spartanisch eingerichtet. Im Erdgeschoss befanden sich die Küche, ein kleiner Wohnraum und das Schlafzimmer von Heinrich und Martha. Die obere Etage war in drei Räume unterteilt: einen für die Jungen, einen für die Mädchen und einen dritten, dessen Tür stets verschlossen blieb.

An Winterabenden saß die Familie um den großen Holztisch in der Küche. Martha las aus der Bibel vor, während die Kinder in vollkommener Stille zuhörten. Heinrich rauchte seine Pfeife und blickte ins Feuer. Gespräche über den Tag, über Wünsche oder Träume gab es nicht. Die Stille war so dicht, dass das Knacken des Holzes im Kamin wie Donnerschläge klang. Nachts, wenn das Haus in Dunkelheit gehüllt war, konnten gelegentlich leise Geräusche aus dem oberen Stockwerk gehört werden. Manchmal war es ein schwaches Knarren der Dielen, manchmal ein kaum hörbarer Seufzer. Doch am Morgen war alles wieder wie immer: still, geordnet, kontrolliert.

Im März 1900 ereignete sich ein scheinbar unbedeutendes Vorkommnis, das jedoch eine Kette von Ereignissen in Gang setzte. Der örtliche Gendarm Friedrich Wiesner erhielt eine Meldung von einem Holzfäller, der in den Wäldern nahe dem Follinghof kleine Grabsteine entdeckt hatte. Die Steine waren roh behauen und trugen nur Initialen und Jahreszahlen. Wiesner war ein gewissenhafter Beamter, der seine Pflicht ernst nahm. Am 15. März machte er sich auf den Weg zum Follinghof, um Heinrich über die Funde zu befragen.

Als er das Anwesen erreichte, bot sich ihm dasselbe Bild wie Pastor Brenner: 13 Kinder verschiedenen Alters, die sich still um ihre Aufgaben kümmerten. Heinrich empfing den Gendarmen höflich, aber reserviert. Auf die Frage nach den Grabsteinen antwortete er ausweichend: „In diesen Bergen ruhen viele Menschen, Herr Wiesner. Manche Familie hat ihre Lieben auf eigenem Land begraben, besonders in harten Wintern, wenn die Wege zu den Friedhöfen unpassierbar waren.“ Doch Wiesner ließ nicht locker. Er fragte nach den Namen der 13 Kinder, nach ihren Geburtstagen, nach den fehlenden Einträgen in den Kirchenbüchern.

Heinrich wurde mit jeder Frage einsilbiger. Martha, die während des Gesprächs anwesend war, sprach kein einziges Wort. Was Wiesner besonders störte, war die Reaktion der Kinder. Sie hatten ihre Arbeit unterbrochen und standen nun in einer Reihe vor dem Haus wie Soldaten bei einer Inspektion. Ihre Gesichter waren ausdruckslos, ihre Haltung starr. Das jüngste Kind, ein Mädchen von etwa vier Jahren, hielt die Hand eines älteren Jungen, als suchte es Schutz. Als Wiesner nach dem verschlossenen Raum im Obergeschoss fragte, versteifte sich Heinrichs Miene: „Das ist Familienangelegenheit, Herr Wiesner. In jedem Haus gibt es Räume, die privat bleiben sollten.“

Der Gendarm verließ den Hof mit einem unguten Gefühl. In seinem Bericht notierte er: „Familie Folling zeigt ungewöhnliches Verhalten. 13 Kinder ohne entsprechende Dokumentation. Weitere Ermittlungen erforderlich.“ Drei Tage später kehrte Wiesner mit Pastor Brenner zum Hof zurück, doch diesmal fanden sie nur noch neun Kinder vor. Auf die Frage nach den fehlenden vier Kindern antwortete Heinrich: „Sie besuchen Verwandte in Goslar.“ Ein Verwandtenbesuch, für den es keine Aufzeichnungen gab, keine Briefe, keine Spuren. Pastor Brenner bestand darauf, alle anwesenden Kinder zu befragen, doch keines von ihnen konnte oder wollte Auskunft über die fehlenden Geschwister geben. Sie antworteten nur mit „Weiß nicht“ oder schwiegen vollkommen.

In den folgenden Wochen entwickelte sich in der Gemeinde eine eigenartige Form der kollektiven Verdrängung. Die Dorfbewohner kannten die Familie Volling seit Jahren als zurückhaltende, aber rechtschaffene Leute. Heinrich war ein fleißiger Arbeiter, Martha eine gottesfürchtige Frau. Dass etwas nicht stimmte, wollte niemand wahrhaben. Pfarrer Brenner suchte das Gespräch mit den älteren Gemeindemitgliedern. Elisabeth Kramer, eine 70-jährige Witwe, die ein kleines Gehöft unweit der Vollings bewirtschaftete, hatte eine einfache Erklärung: „Heinrich und Martha waren schon immer kinderlieb. Vielleicht haben sie Waisen aufgenommen – arme Kinder, deren Eltern gestorben sind. Papiere gehen in solchen Zeiten schnell verloren.“

Der Bürgermeister von Altenau, Hermann Koch, teilte diese Ansicht: „Die Follings führen ein christliches Haus. Wenn sie Kindern ein Zuhause geben, die sonst niemanden haben, dann ist das ein Werk der Nächstenliebe.“ Dass dabei möglicherweise Gesetze gebrochen wurden, erwähnte er nicht. Selbst Gendarm Wiesner begann an seinen Bedenken zu zweifeln. Seine Vorgesetzten in Clausthal-Zellerfeld zeigten wenig Interesse an dem Fall. „Solange keine konkreten Straftaten vorliegen,“ teilte ihm der Polizeikommissar mit, „sollten wir uns auf wichtigere Angelegenheiten konzentrieren.“ Die vier verschwundenen Kinder wurden zu einem Thema, das niemand ansprechen wollte. Wenn jemand danach fragte, hieß es, sie seien zu Verwandten geschickt worden. Dass niemand diese Verwandten kannte, störte offenbar niemanden.

Im Sommer 1900 schien sich die Lage zu normalisieren. Der Follinghof lag wieder abgeschieden in seinem Tal. Die verbliebenen neun Kinder gingen ihren täglichen Aufgaben nach und die Dorfgemeinschaft hatte einen Weg gefunden, die unbequemen Fragen zu verdrängen. Doch unter der Oberfläche dieser erzwungenen Normalität wuchs etwas anderes heran – ein Gefühl des Unbehagens, das sich hartnäckig hielt. Die wenigen Menschen, die den Hof besuchten, berichteten von einer eigenartigen Atmosphäre. „Es ist, als würde das Haus selbst schweigen,“ sagte der Schmied Johann Brenner, ein Cousin des Pastors.

Der Winter 1901 war besonders hart. Meterhoher Schnee isolierte die entlegenen Gehöfte wochenlang von der Außenwelt. Als der Frühling kam und die Wege wieder passierbar wurden, machte Pastor Brenner seinen ersten Besuch seit Monaten beim Vollinghof. Was er antraf, erschütterte ihn. Das Anwesen wirkte verfallen. Die Fensterläden hingen schief in ihren Angeln, der Hofplatz war von Unkraut überwuchert – und da waren nur noch sieben Kinder. Heinrich Volling war in den Wintermonaten stark gealtert. Sein Haar war grau geworden, tiefe Furchen durchzogen sein Gesicht.

Martha sprach überhaupt nicht mehr mit Fremden. Sie nickte nur kurz und verschwand im Haus. Die verbliebenen Kinder wirkten abgemagert und blass. Ihre Kleidung war geflickt und verschlissen. Aber das Beunruhigendste war ihr Verhalten. Sie bewegten sich wie Automaten, mechanisch und ohne jeden Ausdruck von Lebensfreude. Pastor Brenner fragte vorsichtig nach den fehlenden Kindern. Heinrich antwortete mit brüchiger Stimme: „Der Winter war hart, Pastor, sehr hart.“ Eine genauere Antwort gab er nicht. Stattdessen führte er den Pastor durch den Hof und zeigte ihm die Schäden, die Kälte und Schnee angerichtet hatten.

Aber Pastor Brenner bemerkte etwas anderes. Die kleine Holzhütte hinter dem Haupthaus, die früher als Schuppen gedient hatte, war nicht mehr da. An ihrer Stelle befand sich nur ein rechteckiges Stück planierte Erde. „Was ist mit dem Schuppen passiert?“, fragte der Pastor. „Eingestürzt unter der Schneelast,“ antwortete Heinrich knapp. „Wir haben das Holz für den Ofen gebraucht.“ Doch als Pastor Brenner genauer hinblickte, fiel ihm auf, dass der Boden an dieser Stelle anders aussah. Die Erde war dunkler, als wäre sie kürzlich aufgewühlt worden. Auf dem Rückweg ins Dorf begegnete Pastor Brenner der alten Elisabeth Kramer. Sie berichtete ihm, dass sie während der Wintermonate mehrmals eigenartige Geräusche aus Richtung des Vollinghofes gehört hatte: „In den Nächten, Pastor. Manchmal klang es wie Schaufeln, die in gefrorene Erde schlagen.“

Was in jenen Wintermonaten wirklich geschehen war, wurde erst Jahre später rekonstruiert. Ein Tagebuch, das 1962 bei Renovierungsarbeiten in der Wand des Follinghauses gefunden wurde, gab Einblick in das Leben der Kinder. Das Tagebuch war von Elisabeth Volling geführt worden, einem der ältesten Mädchen. Die Einträge begannen im November 1900 und endeten abrupt im Februar 1901.

  1. November 1900: „Heinrich hat uns gesagt, dass diesen Winter alles anders wird. Wir dürfen das Haus nicht mehr verlassen. Martha ist krank geworden. Sie redet mit sich selbst und schaut uns an, als würde sie uns nicht erkennen.“

  2. Dezember 1900: „Karl und Friedrich sind heute nicht zum Abendessen erschienen. Heinrich sagt, sie sind zu den Verwandten gebracht worden, aber es hat geschneit und die Wege sind unpassierbar.“

  3. Dezember 1900: „Anna ist heute Morgen nicht aufgewacht. Heinrich und Martha haben sie weggebracht. Sie sagten, der Arzt in der Stadt könnte ihr helfen. Aber warum haben sie sie in eine Decke gewickelt und zur Hintertür hinausgetragen?“

  4. Januar 1901: „Es sind nur noch acht von uns da. Heinrich bringt uns das Essen nach oben. Wir dürfen den verschlossenen Raum nicht betreten. Aber nachts höre ich Geräusche von dort.“

  5. Februar 1901: „Heute habe ich gesehen, was in dem verschlossenen Raum ist. Ich wünschte, ich hätte es nie gesehen. Ich wünschte, ich könnte es vergessen.“ Das war der letzte Eintrag. Elisabeth Volling war eines der sieben Kinder, die den Winter überlebten.

Im Jahr 1903 verließ die Familie Folling den Hof. Offiziell verkauften sie das Anwesen an einen Kaufmann aus Hannover, der es als Sommerhaus nutzen wollte. Tatsächlich stand das Haus jedoch leer und verfiel zusehends. Heinrich Volling wurde nicht mehr in der Region gesehen. Es hieß, er sei mit seiner Familie nach Amerika ausgewandert. Von den sieben Kindern, die zuletzt gesehen worden waren, fehlte jede Spur. Das leerstehende Vollinghaus wurde schnell zu einem Ort, den die Einheimischen mieden. Wanderer berichteten von eigenartigen Geräuschen, die nachts aus dem Gebäude drangen – Kindergeschrei, das sofort verstummte, wenn man näher kam.

Im Herbst wagte sich der junge Förster Wilhelm Stein in das verlassene Anwesen. Er hatte den Auftrag, den Zustand des Gebäudes zu bewerten. Was er fand, dokumentierte er in einem Bericht an die Forstverwaltung: „Das Haupthaus ist strukturell stabil, aber stark vernachlässigt. Alle Räume im Erdgeschoss sind leer. Im Obergeschoss befinden sich drei Zimmer. Zwei davon sind ebenfalls leer. Das dritte Zimmer war verschlossen. Nach dem Aufbrechen der Tür entdeckte ich einen Raum, der vollständig mit schwarzen Tüchern verhängt war. An den Wänden befanden sich 13 kleine Holzkreuze mit Initialen. Auf dem Boden lagen Gegenstände, die offenbar Kindern gehört hatten: Spielzeug aus Holz, kleine Schuhe, Kleidungsstücke.“ Förster Stein brach seine Inspektion ab und verließ das Haus. In seinem Bericht schrieb er: „Empfehle den Abriss des Gebäudes aus hygienischen Gründen.“

Der Abriss erfolgte nie. Stattdessen kaufte 1907 der Gelehrte Dr. Ludwig Hartmann das Anwesen. Hartmann war Anthropologe an der Universität Göttingen und interessierte sich für ländliche Gemeinschaften und ihre Traditionen. Dr. Hartmann begann systematisch, die Geschichte der Familie Volling zu erforschen. Er führte Interviews mit den Dorfbewohnern, durchsuchte Kirchenregister und sammelte alle verfügbaren Dokumente. Was er dabei entdeckte, übertraf seine schlimmsten Befürchtungen. In den Kirchenbüchern von Altenau fand er nicht nur den Eintrag für Johann Volling, sondern auch Randnotizen, die Pastor Brenner später hinzugefügt hatte: „Familie zeigt abnormales Verhalten, weitere Beobachtung erforderlich.“

Ein Gespräch mit der mittlerweile betagten Elisabeth Kramer brachte weitere Details ans Licht. Sie berichtete Dr. Hartmann, dass sie Heinrich Volling mehrmals dabei beobachtet hatte, wie er nachts mit einer Schaufel im Wald verschwand. „Manchmal war er bis zum Morgengrauen weg. Wenn er zurückkam, war seine Kleidung schmutzig und er roch nach frisch aufgeworfener Erde.“ Dr. Hartmanns Untersuchungen führten ihn auch zu dem Waldstück, in dem der Holzfäller 1900 die kleinen Grabsteine gefunden hatte. Bei einer systematischen Suche entdeckte er insgesamt 19 solcher Steine, verstreut über einen Bereich von etwa einem Hektar. Die Initialen auf den Steinen ließen ein beunruhigendes Muster erkennen. Manche Jahreszahlen überschnitten sich mit den Jahren, in denen die Familie Folling auf dem Hof gelebt hatte.

Im Frühjahr 1908 machte Dr. Hartmann eine Entdeckung, die ihn sein Leben lang verfolgen sollte. Beim Durchsuchen des Kellers im Follinghaus stieß er auf eine lose Steinplatte. Darunter befand sich ein kleiner Hohlraum, in dem sich ein wasserdichter Behälter verbarg. Der Behälter enthielt eine Sammlung von Dokumenten: Briefe, Aufzeichnungen und ein detailliertes Tagebuch, das Heinrich Volling über mehrere Jahre geführt hatte. Doch das war nicht alles. In einer zweiten, kleineren Box fanden sich Gegenstände, die Dr. Hartmann zunächst nicht zuordnen konnte: kleine Haarlocken, sorgfältig in Papier gewickelt und mit Daten versehen, winzige Zähne in kleinen Stoffbeuteln und merkwürdigerweise auch präzise Zeichnungen von Kindergesichtern.

Die Einträge in Heinrichs Tagebuch begannen harmlos. Heinrich beschrieb seine Ehe mit Martha, die Geburt ihres Sohnes Johann, die Schwierigkeiten beim Bewirtschaften des abgelegenen Hofes. Doch ab 1892 änderte sich der Ton der Aufzeichnungen grundlegend. „Martha kann keine weiteren Kinder bekommen,“ schrieb Heinrich. „Der Arzt in Clausthal hat es bestätigt. Aber wir brauchen Arbeitskräfte für den Hof. Martha ist der Meinung, dass Gott uns einen Weg zeigen wird.“ Dr. Hartmann entdeckte beim weiteren Lesen, dass Martha Folling offenbar an einer Form geistiger Verwirrung gelitten hatte, die sich nach einer Fehlgeburt 1891 entwickelt hatte.

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Heinrich schrieb: „Martha spricht mit den Engeln. Sie sagt, die toten Kinder wollen nicht allein sein. Sie brauchen Geschwister im Himmel.“ Die folgenden Einträge schilderten, wie das Paar begann, Kinder zu sammeln – Waisen von entlegenen Gehöften, Kinder von Familien, die zu arm waren, um sie zu ernähren, manchmal auch Kinder, die einfach verschwanden, während ihre Eltern auf Märkten oder in Gasthäusern waren. „Das blonde Mädchen aus Herzberg hat sich gut eingefügt,“ notierte Heinrich 1895. „Sie weint nicht mehr und befolgt alle Anweisungen. Martha ist zufrieden. Sie nennt es Anna, obwohl es eigentlich Margarete heißt. Martha sagt, die Namen der Vergangenheit müssen sterben.“

Dr. Hartmann stieß auf eine weitere verstörende Entdeckung. Heinrich hatte ein ausgeklügeltes System entwickelt, um die Identitäten der Kinder zu verwischen: neue Namen, neue Geburtstage, neue Geschichten. „Wilhelm aus Osterode ist jetzt Franz. Er war acht, jetzt ist er sechs. Jüngere Kinder vergessen schneller,“ schrieb Heinrich 1895. Die Aufzeichnungen zeigten ein System von Kontrolle und Einschüchterung. Kinder, die sich nicht fügten, wurden in dem verschlossenen Raum isoliert. „Wer nicht gehorcht, verdient keine Gemeinschaft,“ schrieb Heinrich. „Wer nicht arbeitet, verdient kein Essen. Wer weint, wird vergessen.“

Dr. Hartmann fand auch Briefe, die Martha an ihre verstorbene Mutter geschrieben hatte. Diese Briefe offenbarten den Grad ihrer geistigen Verwirrung: „Liebe Mutter, heute haben wir wieder einen Engel zu dir geschickt. Es war zu schwach für diese Welt, aber es wird dir im Himmel Gesellschaft leisten.“ Besonders verstörend waren die Einträge aus den Wintermonaten 1900/1901. Heinrich beschrieb, wie die Kinder schwächer wurden, wie einige von ihnen einschliefen und nie wieder aufwachten. Doch die Details, die er notierte, ließen keinen Zweifel daran, dass nicht alle Todesfälle natürlichen Ursprungs waren. „Der kleine Gustav hustet zu viel. Er stört die anderen beim Schlafen. Martha hat ihm Mutterkorntee gegeben. Heute Morgen war er still.“ Mutterkorn, wusste Dr. Hartmann, war in größeren Mengen hochgiftig.

Ein Eintrag vom Februar 1901 ließ Dr. Hartmann erschaudern: „Elisabeth hat zu viele Fragen gestellt. Sie wollte wissen, wo ihre leiblichen Eltern sind. Martha sagt: ‚Neugierige Kinder sind gefährlich.‘ Heute Nacht wird Elisabeth ihre Antworten finden.“ Am Ende von Heinrichs Aufzeichnungen fand Hartmann eine Liste: 33 Namen, geordnet nach Jahren. Neben jedem Namen stand ein Datum und eine knappe Notiz: „Zu Gott zurückgekehrt“, „In den ewigen Schlaf eingegangen“, „Von den Engeln geholt“. Dr. Hartmann brauchte Wochen, um zu verarbeiten, was er gefunden hatte. Seine erste Reaktion war der Versuch, alles zu rationalisieren. Vielleicht war Heinrich geisteskrank gewesen, vielleicht waren die Einträge Fantasien eines verwirrten Mannes.

Doch die physischen Beweise sprachen eine andere Sprache. Er begann systematisch, die Namen auf Heinrichs Liste mit Vermisstenberichten und Kirchenregistern abzugleichen. Was er dabei entdeckte, übertraf seine schlimmsten Befürchtungen. Mindestens 18 der Namen stimmten mit Kindern überein, die zwischen 1892 und 1901 in der Region als vermisst gemeldet worden waren. Dr. Hartmann suchte Pastor Brenner auf, der mittlerweile 82 Jahre alt war und unter dem Gewicht seiner Erinnerungen zu leiden schien. Als Dr. Hartmann ihm die Dokumente zeigte, brach der alte Mann zusammen. „Ich wusste es,“ stammelte Pastor Brenner. „Gott vergebe mir, ich wusste es und habe nichts getan. Im Winter 1901, da war dieses Mädchen Elisabeth. Sie kam zu mir mitten in der Nacht, barfuß im Schnee. Sie erzählte mir Dinge, schreckliche Dinge. Aber ich dachte, es seien Fieberträume. Ich brachte sie zurück zu den Vollings.“

Pastor Brenner berichtete Dr. Hartmann, dass Elisabeth ihm von einem „Zimmer des Schweigens“ erzählt hatte, in dem Kinder verschwanden. Sie sagte, Martha würde ihnen Süßigkeiten geben, die sie schläfrig machten, und dann – dann würden sie zu den Engeln gehen. Die Recherchen führten Dr. Hartmann auch zu dem ehemaligen Dorfschmied Otto Kleiner, der 1899 den Vollinghof besucht hatte, um Werkzeuge zu reparieren. Kleiner, mittlerweile ein gebrochener Mann, gestand Dr. Hartmann, dass er im Keller des Hauses kleine Särge gesehen hatte. „Heinrich sagte, er würde sie für kranke Lämmer verwenden,“ erinnerte sich Kleiner, „aber die Särge waren zu klein für Lämmer und zu perfekt gearbeitet. Und sie rochen – sie rochen nach Lavendel und anderen Kräutern, wie man sie für andere Zwecke verwendet.“

Dr. Hartmann konfrontierte auch Elisabeth Kramer mit seinen Erkenntnissen. Die alte Frau, die immer behauptet hatte, nichts Ungewöhnliches bemerkt zu haben, brach schließlich zusammen und gestand, dass sie Heinrich mehrmals dabei beobachtet hatte, wie er kleine weiße Bündel in den Wald trug. „Ich dachte, es wären tote Tiere,“ weinte sie. „Ich wollte es für tote Tiere halten, aber die Form – die Form war zu menschlich.“ Die Wahrheit, die sich allmählich zusammenfügte, war noch grausamer, als Dr. Hartmann zunächst vermutet hatte. Die Familie Volling hatte über fast ein Jahrzehnt hinweg ein System betrieben, das weit über einfache Kindesaufnahme hinausging. Sie hatten systematisch Kinder gesammelt, ihre Identitäten ausgelöscht und sie als Arbeitskräfte ausgebeutet. Diejenigen, die zu schwach, zu krank oder zu widerspenstig waren, wurden eliminiert.

Dr. Hartmann brachte seine Erkenntnisse 1909 zur Polizei. Die Ermittlungen, die daraufhin begannen, stießen jedoch auf erhebliche Widerstände. Viele der ehemaligen Nachbarn der Familie Folling lebten noch und wollten nicht zugeben, dass sie über Jahre hinweg weggesehen hatten. Gendarm Wiesner, mittlerweile zum Polizeikommissar befördert, leitete die Untersuchung. Er ordnete Ausgrabungen in dem Waldstück an, wo die Grabsteine gefunden worden waren. Was die Arbeiter fanden, bestätigte die schlimmsten Befürchtungen: In flachen Gräbern lagen die sterblichen Überreste von mindestens 17 Kindern. Die meisten schienen zwischen 4 und 12 Jahren alt gewesen zu sein. Die Überreste zeigten Anzeichen von Unterernährung und teilweise von Gewalteinwirkung.

Bei drei der Skelette fanden sich Spuren von Mutterkorn in den Knochen. Doch die Ermittlungen wurden durch die politische Lage erschwert. Das Deutsche Reich stand kurz vor größeren politischen Umwälzungen, und lokale Skandale hatten wenig Priorität. Zudem widersprachen viele Zeugen ihren früheren Aussagen oder verweigerten plötzlich jede Kooperation. Die Suche nach Heinrich und Martha Folling gestaltete sich schwieriger als erwartet. Erste Ermittlungen deuteten darauf hin, dass das Paar tatsächlich nach Amerika ausgewandert war, doch die Spuren verloren sich schnell.

Im Dezember 1909 erhielt Kommissar Wiesner einen anonymen Brief aus Hamburg. Der Absender behauptete, Heinrich Folling an den Docks gesehen zu haben. „Er arbeitet unter dem Namen Hermann Friedrich bei der Reederei Steinbach,“ hieß es in dem Brief. „Er hat sich den Bart abrasiert und trägt eine Brille, aber die Narbe an seinem linken Handgelenk ist unverwechselbar.“ Wiesner reiste nach Hamburg, doch als er dort eintraf, war der Mann bereits verschwunden. Der Vorarbeiter der Reederei bestätigte, dass ein Hermann Friedrich dort gearbeitet hatte, aber er sei vor einer Woche plötzlich nicht mehr zur Arbeit erschienen. Bei der Durchsuchung von Friedrichs Unterkunft fanden die Ermittler weitere verstörende Hinweise.

In seiner Kammer entdeckten sie einen Brief, den Heinrich offenbar nie abgeschickt hatte. Er war an seinen verschwundenen Sohn Johann gerichtet und enthielt Anweisungen für die Fortsetzung des Werkes. „Mein lieber Johann,“ begann der Brief, „die Welt versteht unser Handeln nicht, aber Gott weiß, dass wir seine Arbeit verrichtet haben. Die schwachen Kinder leiden in dieser grausamen Welt. Wir haben sie erlöst. Wenn du die Kraft dazu hast, setze unser Werk fort. Die Menschheit braucht solche wie uns.“ Diese Entdeckung ließ die Ermittler befürchten, dass Johann Folling möglicherweise irgendwo anders ein ähnliches System aufgebaut haben könnte.

Eine landesweite Fahndung wurde eingeleitet, blieb jedoch erfolglos. Martha Folling wurde nie gefunden. Einige Zeugen behaupteten, sie nach Heinrichs Verschwinden in verschiedenen norddeutschen Städten gesehen zu haben, aber keine dieser Sichtungen konnte bestätigt werden. In den Jahren nach der Entdeckung wurde das Folling-Anwesen mehrmals verkauft. Kein Käufer hielt es lange aus. Der erste neue Besitzer, ein Kaufmann aus Braunschweig namens Karl Müller, berichtete bereits nach drei Monaten von unerklärlichen Ereignissen. „Die Dielen im Obergeschoss knarren nachts ständig,“ schrieb Müller in einem Brief an den Makler. „Es klingt, als würden kleine Füße über den Boden laufen. Meine Frau weigert sich, das Haus zu betreten. Sie behauptet, Kindergeschrei zu hören.“

Nach Müller folgte eine Familie Schneider, die das Anwesen als Pension betreiben wollte. Auch sie gaben bereits nach wenigen Monaten auf. Frau Schneider berichtete später der Lokalzeitung: „Es war, als würde das Haus selbst atmen. In manchen Räumen war die Luft so schwer, dass man kaum atmen konnte. Und dann waren da diese Geräusche aus dem Keller.“ 1918 kaufte die Witwe Anna Bergmann das Anwesen für einen Bruchteil seines ursprünglichen Wertes. Sie war entschlossen, die Gerüchte und den Aberglauben zu widerlegen. Doch nach nur sechs Wochen verließ auch sie das Haus fluchtartig. In ihrem Tagebuch, das später gefunden wurde, beschrieb sie ihre Erfahrungen: „Das Haus ist verflucht. Es gibt keinen anderen Ausdruck dafür. Jede Nacht höre ich Stimmen aus dem ehemaligen Kinderzimmer. Kleine Stimmen, die nach ihrer Mutter rufen, und manchmal, wenn ich aufwache, stehen kleine Gestalten am Fuß meines Bettes. Aber wenn ich Licht mache, sind sie verschwunden.“

1923 brannte das Haus bei einem vermeintlichen Blitzschlag vollständig nieder. Die Feuerwehr aus Altenau traf zu spät ein, um etwas zu retten. Ein Zeuge, der Bauer Friedrich Koch, berichtete später, dass er kurz vor dem Feuer eine Gestalt in der Nähe des Hauses gesehen hatte. „Es war ein Mann mit grauem Haar,“ erzählte Koch. „Er stand vor dem Haus und starrte es an. Als das Feuer ausbrach, lächelte er, dann verschwand er im Wald.“ Die Polizei untersuchte die Brandursache, fand jedoch keine Hinweise auf Brandstiftung. Offiziell blieb die Ursache ungeklärt. Nach dem Brand kaufte die Gemeinde das Grundstück und ließ es als Wiese liegen. Ein kleiner Gedenkstein wurde aufgestellt, der einfach nur den vergessenen Kindern gewidmet war, ohne weitere Erklärungen.

Dr. Hartmann setzte seine Forschungen auch nach dem Brand fort. 1925 veröffentlichte er eine umfassende Studie über soziale Isolation und Gewalt in ländlichen Gemeinden, in der er den Fall Folling ausführlich dokumentierte. Das Buch sorgte für Aufsehen in akademischen Kreisen, wurde jedoch von der breiteren Öffentlichkeit weitgehend ignoriert. In seinen späteren Jahren wandte sich Dr. Hartmann anderen Forschungsgebieten zu. Doch der Fall Folling ließ ihn nie los. In seinem Nachlass, der 1954 der Universität Göttingen übergeben wurde, fanden sich hunderte von Seiten zusätzlicher Notizen und Korrespondenzen zu dem Fall.

Besonders bemerkenswert war ein Brief von 1948, in dem ein Mann namens Johannes Friedmann behauptete, der verschwundene Johann Volling zu sein. „Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, zu vergessen, was in diesem Haus geschehen ist,“ schrieb er. „Aber die Erinnerungen lassen mich nicht los. Jede Nacht sehe ich ihre Gesichter – die Gesichter der Kinder, die ich nicht retten konnte.“ Dr. Hartmann reiste nach Kanada, wo Friedmann angeblich lebte. Doch er fand nur eine leere Adresse und Nachbarn, die behaupteten, nie einen Mann dieses Namens gesehen zu haben.

Im Jahr 1960, mehr als 60 Jahre nach den Ereignissen, wurde bei Renovierungsarbeiten an der alten Schule von Altenau eine weitere Entdeckung gemacht. Arbeiter fanden eine vermauerte Kammer im Keller des Gebäudes, die eine Sammlung von Kinderzeichnungen enthielt. Die Zeichnungen waren von unterschiedlicher Qualität, aber sie zeigten alle ähnliche Motive: dunkle Häuser, weinende Gestalten und immer wieder das gleiche Symbol – ein Kreuz mit 13 kleinen Punkten darunter. Auf der Rückseite einer der Zeichnungen stand in kindlicher Schrift: „Wir sind hier, wir warten. Vergesst uns nicht.“ Die Handschrift wurde von Experten untersucht und als authentisch aus der Zeit um 1900 eingestuft. Wie die Zeichnungen in die Schule gelangt waren, konnte nie geklärt werden.

Pastor Brenner hatte in einem versiegelten Brief gestanden, dass er mehr über die Familie Folling gewusst hatte, als er jemals zugegeben hatte. „Ich habe sie im Wald gesehen,“ schrieb er. „Heinrich und Martha, nachts mit Schaufeln und Laternen. Ich hätte eingreifen sollen. Ich hätte die Behörden benachrichtigen sollen, aber ich war ein Feigling. Ich wollte nicht glauben, was ich sah.“ Der Brief schilderte auch seine letzte Begegnung mit einem der überlebenden Kinder: „Elisabeth kam zu mir, bevor sie verschwanden. Sie war völlig verstört. Sie erzählte mir von dem Zimmer des Schweigens, von den Süßigkeiten, die Martha den Kindern gab, von den nächtlichen Besuchen der Engel. Ich hätte sie beschützen sollen. Stattdessen brachte ich sie zurück. Zurück zu ihren Peinigern.“

Die Geschichte der Familie Folling wurde zu einem Tabuthema in der Region. Ältere Einwohner sprachen nicht darüber, und die Jüngeren erfuhren meist nichts von den Ereignissen. Es war, als hätte die Gemeinschaft beschlossen, dass manche Wahrheiten besser begraben bleiben sollten. Doch die Vergangenheit ließ sich nicht so leicht verdrängen. Auch in den Jahrzehnten nach dem Brand wurden immer wieder ungewöhnliche Ereignisse in der Nähe des ehemaligen Follinghofes berichtet. Wanderer erzählten von Kinderstimmen, die aus dem Wald zu kommen schienen. Fotografen berichteten von seltsamen Lichterscheinungen auf ihren Bildern.

1967 führte ein Team von Parapsychologen der Universität Freiburg eine Untersuchung des Geländes durch. Ihre Berichte, die nie offiziell veröffentlicht wurden, sprachen von außergewöhnlichen elektromagnetischen Anomalien und unerklärlichen Temperaturabfällen in bestimmten Bereichen des ehemaligen Hofgeländes. Das Gelände, auf dem einst der Follinghof stand, liegt heute verlassen. Die Wiese ist überwuchert, der Gedenkstein verwittert und kaum noch lesbar. Nur wenige Einheimische wissen noch von der Geschichte, und noch weniger sprechen darüber.

Manchmal, so erzählen Wanderer, kann man in der Nähe der alten Hofstelle eigenartige Geräusche hören. Ein leises Wimmern, das im Wind gefangen zu sein scheint, oder das schwache Echo von Kinderstimmen, die nach Hilfe rufen. Aber vielleicht sind das nur die Tricks, die einem der Wind in den Bergen spielt, oder vielleicht ist es das Gewissen einer Gemeinschaft, die zu lange geschwiegen hat. Die dreizehn Kinder ohne Geburtsurkunden haben keine Namen mehr, keine Identitäten, keine Familien, die um sie trauern.

Sie sind zu Symbolen geworden für all die namenlosen Opfer, die in der Abgeschiedenheit verschwunden sind, während die Welt weggesehen hat. Und manchmal in den kalten Winternächten, wenn der Wind durch die Bäume heult, ist es, als würde das Echo ihrer Stimmen noch immer durch die Täler des Harzes hallen. Ein Klang, der nie verstummt, eine Erinnerung, die nie verblasst – ein Mahnmal für die Macht des Schweigens und den Preis der Gleichgültigkeit.

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